Wo bin ich?

„Einen Ort zu haben ist wichtig“, hat mir mal irgendjemand gesagt. Genaugenommen haben mir das schon viele Menschen mal gesagt. Ich habe das auch schon oft gesagt. Und ich habe es immer gemeint.

Ein Ort meint: Rückzug, Ruhe, Sicherheit. Meint „meins“. Meint Türe zu, eigenes Chaos. Meint Klingelschild und Briefkasten. Meint Möbel. Und den ganzen Kram, ohne den man nicht möchte.

Ich kenne Menschen und habe Freunde, die bewohnen selbstverständlich solche Orte. Die sind eingerichtet. Die haben Möbel. Diese Möbel sind nicht aus dem alten Kinderzimmer, von der Oma oder von Ikea. Diese Möbel haben Geld gekostet. Diese Möbel haben Geschmack. Darf ich die Schuhe anlassen? Wie ihr wollt.

Ich hatte immer Angst vor Möbeln. Denn Möbel sind Dinge mit Erwartenshaltung. Möbel wollen bleiben. Beim letzten großem Möbelkauf, einem Kleiderschrank, hatte ich eine kleine Panikattacke. Der arme Schrank.

Derzeit haben meine Möbel, also der Kleiderschrank und das Bett, meine Sessel, der Schreibtisch, die ganzen Regale und die Trumm von einer Kommode, aber einen Ort. Im Gegensatz zu mir.

Oxford

Oxford

Denn ich bin ausgezogen. Nicht umgezogen. Ausgezogen. Mein Leben hat gerade keinen Ort, ich habe zwar einen Wohnsitz, aber ich lebe nirgends. Gerade bin ich in England. In Oxford. Am Samstag war ich noch in München, dann in Köln. Morgen fahre ich nach London. Und dann geht das alles von vorne los, mit den Orten.

Ich weiß, seit meinem Auszug, wo meine Sachen alle sind. Aber bitte, bitte ich darf nichts Spezielles suchen. Ich bin gerade froh, meine elektrische Zahnbürste noch gefunden zu haben.

Wenn aber zuhause da ist, wo man navigieren kann, bin ich gerade zumindest im Radarbereich. Wenn ich durch Oxford laufe, weiß ich, wie hoch ich meine Füße beim Gehen heben muss, damit ich nicht über den Gehweg stolpere. Wenn ich in London bin, gucke ich nur aus Augenwinkeln auf die U-Bahn-Karte. Wenn ich in München bin, fahre ich Fahrrad. Wenn ich in Köln bin, weiß ich eh immer, wohin.

Aber einen einen Ort, den gibt es gerade nicht. Einen Ort, an dem meine Möbel sind und ich.

Ich weiß gar nicht, ob ich einen solchen Ort vermisse. Ich weiß gar nicht, ob mich ein Ort gerade nicht auch nervös machen würde.

Ich spreche daher mit einem Freund über die Dinge, die wir brauchen, die in unseren Wohnungen stehen und überlege, wie sehr wir diese Dinge brauchen. Ob diese Dinge, Orte schaffen. Ob diese Dinge uns machen. Er meint das tun sie und zwar sehr. Ich meinte das auch immer, aber ich bin mir gerade nicht mehr so sicher. Denn ich schaue derzeit auf die Dinge und kann sie gehen lassen.

Aber was heißt das, wenn man die Dingwelt verstauben lässt?

Brauche ich nicht doch mehr als einen Koffer?

Was macht es mit einem, wenn man Nomade wird?

London Putney Pub

London Putney Pub

Ich habe gerade ein Buch gekauft, dass ich sehr gerne lese. Es liegt neben dem Bett, in dem ich gerade schlafe, und ich freue mich darauf. Wenn ich es ausgelesen habe, frage ich Anne, ob sie es haben möchte. Es heißt, haha, „how to be both“.

Will der Titel mir etwas sagen? „How to be both“: Kann man für sich selber ein zuhause sein? Ist das vielleicht ein wenig zu überheblich und selbstverliebt gedacht? Oder hat der Gedanke etwas, hat er Flügel?

Für heute streiche ich die Segel. Ich bin ein Seeman. Aber ist die See auch ein Ort, wenn man keinen Kompass hat?

London Richmond

London Richmond

Kategorien:my story, theorie/praxis

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