Ein offener Brief an den einen Kommentarschreiber und an die anderen

Wer hätte das gedacht? Vor ein paar Jahren noch habe ich mit meiner Arbeit nur eine sehr sehr exklusive (sprich: an einer Hand abzählbare) Leserschaft erreicht. Mittlerweile hat sich das geändert. Und wie. Soll auch so sein. Bei der Huffington Post wollen wir gelesen werden. Von möglichst vielen Leuten. In Kontakt mit den Lesern treten. Artikel werden bei Facebook gepostet, ich twittere meine Posts. Und was dann passiert weiß jeder, der sich schon mal irgendwie im Internet geäußert hat.

Kommentare: Die Abgründe kleiner Seelen

Manchmal muss man einfach nur lachen. Und manchmal regt man sich richtig auf. Wenn es ganz schlimm wird, reagiert unsere Social Media Chefin. Aber ansonsten gilt: So ist das. Wer sich mit sozialen Netzwerken beschäftigt, braucht ein dickes Fell. Und wer sich im Internet öffentlich äußert ebenso.

Mein Name steht über jedem meiner Artikel. Es gibt immer wieder Nutzer, die beziehen sich daher auch auf meine Person. Da wird die Tatsache, dass ich eine Frau bin herangezogen („Hat wohl kein ausgewogenes Leben“, die dezente Variante) oder, immer wieder, äußerst öder Anti-Akademismus betrieben („Die Frau Dr. hat wohl noch nicht mitbekommen…“).

Anfangs habe ich noch den Fehler gemacht, Kommentare zu lesen. Aber das gewöhnt man sich schnell ab. Denn es trifft einen schon, wenn man als dämlich, gemein und schwachköpfig bezeichnet wird. Das ist mir so richtig deutlich geworden, als ich einen offenen Brief an Stefan Raab geschrieben habe. In diesem Brief kritisiere ich Raab und lege ihm, schlußendlich, den Rückzug nahe. Eine Art Kapitalverbrechen also.

Ein offener Brief an…

Der Brief wurde seit er online steht knapp 220.000 mal aufgerufen. Er wurde tausendfach bei Facebook geteilt und geliked. Aber mindestens so viele Leute, wie ihn gut fanden, fanden auch die Autorin des Briefes ganz ganz schrecklich. Und haben das auch entsprechend mitgeteilt. (–> Ein Brief ist entweder gut geschrieben oder die Autorin ist eine blöde Ziege. Kritik kann wohl nur persönlich.)

Merke: Wer sich über einen Fernsehstar äußert, kriegt eins auf die Mütze. Und wer über Flüchtlinge, Ausländerhass oder Veganismus schreibt, dem kann schon mal erst recht Angst und Bange werden.

Aber was ist mittlerweile passiert? Raab hat seinen Rücktritt bekannt gegeben. Ich bin also offiziell so mächtig wie noch nie zuvor.

Das ist auch im Netz nicht unbemerkt geblieben. So fand ich letzte Woche folgenden (freizuschaltenden) Kommentar auf der „mitmachen“-Seite meines Blogs:

offener brief

Sowas! Da hat sich ein Kommentar-Schreiber doch tatsächlich vor meine virtuelle Haustür verirrt. Und ich war irritiert: Ja, ich Gunda Windmüller, habe den offenen Brief an Stefan Raab geschrieben. Ich stehe dazu, klar. Aber ich habe diesen Brief während meiner Arbeitszeit geschrieben. Nachdem wir in der Redaktion darüber gesprochen hatten. Arbeit.

Auf diesem Blog, also privat, würde ich nicht über Stefan Raab schreiben. Warum auch? Der interessiert mich gar nicht. Genausowenig wie Kim Kardashian, Andreas Kümmert oder die neue Innendeko von Starbucks. Zu all diesen Themen habe ich für die Huffington Post schon geschrieben. Als Teil meines Jobs.

Und deswegen, lieber Herr Siebert, möchte ich Ihren Kommentar auch nicht freischalten. Der hat hier nämlich nichts verloren. Dieser Blog ist privat, ist Arbeit in der Freizeit. Den gestalte ich so, wie ich ihn mag. Bei der Huffington Post, meinem Arbeitgeber, können Sie selbstverständlich jeden Artikel kommentieren. Vielleicht möchten Sie ja sogar mal für uns bloggen? Sie schreiben gut und Ihnen liegt offensichtlich auch etwas auf dem Herzen. Beste Voraussetzungen also!

Online-Journalismus. Eine spezielle Arbeit. Eine toller Job. Und so bleibt er auch toll:

never read the comments

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