Eine ehrliche Bewerbung

Wie sähe eigentlich eine Bewerbung aus, wenn sie ehrlich wäre? Mein Chef meinte: „Gunda, da bist Du doch genau die Richtige.“

Hier also mein Beitrag für die Huffington Post:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich würde gerne für Sie arbeiten. Zwar kann ich nicht behaupten, dass ich schon immer davon geträumt habe, bei Ihrem Unternehmen angestellt zu sein. Aber die Stelle klingt interessanter als viele andere Jobs, die gerade ausgeschrieben sind.

Jetzt kommt normalerweise der Teil, in dem ich Ihnen erzähle, dass mich mein bisheriges Leben perfekt auf diese Stelle vorbereitet hat. Hat es nicht. Denn eigentlich wollte ich immer etwas ganz anderes machen.

Aber ein Traumjob fällt einem nicht in den Schoß, das habe ich mittlerweile gelernt. Früher habe ich immer geglaubt, ich würde schon einen tollen Job finden. Eine Arbeit, die mir Spaß macht, mich fordert, mit der ich mich weiterentwickeln kann.

Ich dachte: Hey, Gunda. Du hast doch was auf dem Kasten, Du bist engagiert und packst gerne an, das wird schon. So einfach ist das aber nicht. Es ist sogar ziemlich schwer. Aber ich will trotzdem nicht aufgeben, ich möchte eine Arbeit, die ich mag.

Wahrscheinlich sollte ich Ihnen erzählen, dass ich drei Jahre im Ausland studiert habe, in England. Das hören Unternehmen doch gern. Ich habe einen Bachelor von einer englischen Universität und kann richtig gut Englisch sprechen.

Aber wissen Sie, was ich in England vor allem gelernt habe? Was ein Pub Quiz ist. Dass ich ab vier Pint Cider nicht mehr zurechnungsfähig bin. Wann die Zusammenfassung von „Coronation Street“ Sonntags im Fernsehen läuft. Wie man diese graue, bunte und exzentrische Insel lieben kann. Das war die Schule meines Lebens.

Sie wollen sicher auch hören, dass ich unzählige Praktika gemacht habe. Natürlich neben dem Studium, um bloß keine Zeit zu verlieren. Doch das habe ich nicht getan. Ich habe mir erlaubt, auch mal faul zu sein.

Einen Sommer hatte ich einfach Lust, mit meiner WG das Haus zu streichen, im Garten zu sitzen und den Erdbeeren beim Reifen zuzuschauen. Finanziert habe ich das mit einem Job in einer Spülküche. Der Job war schrecklich, aber der Sommer wunderbar.

Warum Sie mich trotzdem einstellen sollten? Naja, mich kann so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Ich kann mit Menschen. Ich kann Krisen-Management. Darüber habe ich allerdings kein Workshop-Zertifikat.

Ich habe promoviert. Über englische Dramen des 17. Jahrhunderts. Damit kann ich im Berufsalltag natürlich nichts anfangen. Das wusste ich schon vorher, doch ich habe es trotzdem getan. Für mich.

Vielleicht interessiert Sie aber wenigstens mein Doktortitel? Sieht ganz gut aus im Mitarbeiter-Organigramm. Mehr Gehalt kriege ich deswegen nicht, ist mir schon klar.

Sie fragen sich bestimmt, warum ich einen neuen Job suche. Leider kann ich nicht behaupten, dass ich sonderlich zufrieden bei meinem letzten Arbeitgeber war. Im Gegenteil.

Mein letzter Job war eine einzige Enttäuschung. Ich hatte mich eigentlich auf die Berufstätigkeit gefreut. Endlich richtig Geld verdienen, endlich etwas bewegen können. Und dann? Unfähiger Chef, langweilige Aufgaben, keine Gestaltungsfreiheit.

Sind Ihre Mitarbeiter eigentlich zufrieden? Und: Sind Sie es selbst?

Meinen letzten Job habe ich gekündigt. Ich habe es einfach nicht mehr ertragen. Ich möchte meine Lebenszeit nicht in den Dienst einer langweiligen Aufgabe stellen. Ich möchte eine reizvolle Aufgabe bekommen.

Wenn Sie mich einstellen, bekommen Sie keinen angepassten Mitarbeiter mit glattgebügeltem Lebenslauf. Aber Sie bekommen einen, der weiß, was Leben überhaupt bedeutet.

Sie bekommen jemanden, den es wirklich interessiert, was sein Gegenüber zu sagen hat. Jemanden, der sein Wort hält und der Ihnen immer dankbar sein wird, wenn Sie ihm eine Chance geben. Übrigens werde ich auch Ihrem Betriebsklima gut tun. Denn ich sage auch nie „nein“ zu einem Bier nach Feierabend.

Ich kann viel aushalten, denn ich bin ziemlich zäh. Ich habe gelernt, was ich wirklich will. Weil ich auch mal innegehalten habe, statt blind einem vorgegeben Ablaufplan zu folgen. Weil ich mein Leben aus einer anderen Perspektive gesehen habe.

Ich muss nicht jeden Tag mit Freudensprüngen zur Arbeit eilen. Aber ich möchte, dass ich als ganzer Mensch irgendwo arbeiten kann. Vielleicht ja bei Ihnen?

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