vom Schlaf I

Ich habe vorgestern etwas Verrücktes gemacht. Noch verrückter war nur, dass ich es gestern schon wieder gemacht habe: Ich bin um 20 Uhr ins Bett gegangen.

Während meines Bierbrau-Praktikums musste ich immer um 6:15 Uhr aufstehen. Einmal sogar um 4:45. Und das für jemanden, der immer getönt hat, dass alles Wach-Sein vor 5 Uhr ungefähre Folter wäre (es sei denn, man ist noch wach) und somit eigentlich ausgeschlossen. Für’s Bier habe ich es natürlich doch geschafft.

Und jetzt? Nach zwei Tagen will ich nicht von Gewöhnung sprechen. Aber es geht: 4:30 Uhr.

Wenn die Tagesschau zum letzten Programmpunkt wird

Was macht der Januar nur mit mir? Ich weiß noch genau, was (neben vielen anderen Glücksgefühlen) mein Hauptglück nach der Schulzeit war: Länger schlafen. Etwa ein halbes Jahr nach dem Abitur kam es mir vor, als sei ich seit meinem sechsten Lebensjahr das erste Mal wieder halbwegs wach.

Und damit begann ein Jahrzehnt des selbstbestimmten Morgens. Kein Jahrzehnt des vielen Schlafs, kein Jahrzehnt der Ausgeruhtheit, kein Jahrzehnt des Frühstücks. Aber ein Jahrzehnt, indem ich nur sehr selten um 8 Uhr morgens irgendwo sein musste. Angenehm.

Lerche, Eule? Bin ich ein Vogel?

Eine Freundin von mir muss jeden Morgen um 5 Uhr aufstehen, damit sie arbeiten und nachmittags rechtzeitig ihre Tochter vom Kindergarten abholen kann. Eine andere Freundin ist selbständig und würde nur in Notfällen den ersten Fuß vor 9 Uhr unter dem Plumeau hervorstecken. Sie arbeitet stattdessen bis 3 Uhr.  Neulich las ich von einem Kölner Bäcker, der keine Nachfolge für sein gutgehendes Geschäft findet, weil „keiner mehr so früh aufstehen will.“

Ich kann das verstehen. Es ist nicht leicht, den eigenen Rhythmus an die Erfordernisse bestimmter Berufe, bestimmter Lebenssituationen anzupassen. Wer morgens einfach nicht so recht in Schwung kommt, wer abends die kreativsten Ideen hat, dem tut ein Arbeitsbeginn um 7 Uhr mehr schlecht als recht.

Schlaf: Wo liegt das Problem?

Aber da lässt die Berufswahl ja durchaus Spielraum zu. Schlimmer finde ich eigentlich den miserablen Ruf, den Schlaf mittlerweile geniesst. Warum ist Schlaf so verpönt? Warum kann man damit angeben, wie wenig man geschlafen hat? Frei nach dem Motto: Nur vier Stunden Schlaf?! Heldenhaft, fast wie 40 Liegestütze. Schlaf, je weniger, desto disziplinierter? Je weniger, desto produktiver? Je weniger, desto Spitzenpolitiker.

Warum gönnen wir uns gutes Essen, warum gönnen wir uns Massagen und Sauna-Gänge, warum gönnen wir uns keinen Schlaf?

Warum haben wir so wenig Lust auf Schlaf?

Als Kind dachte ich, dass man als Erwachsene irgendwann automatisch weniger Schlaf braucht. Heute weiß ich: Unter 7 Stunden ist nicht angenehm. 7,5 Minimum. Ideal, je nach Erholungsbedarf: 8-9. Aber diese Zeit muss man sich nehmen können. (NB: Wenn man Kinder hat, mag alles Reden über Schlaf aus einer anderen Dimension stammen. Aber ich habe keine Kinder. Also!)

Ich finde, wir sollten alle mehr schlafen. Kein Aspekt unseres Lebens, der sich dadurch nicht verbessern ließe. Das hat Arianna Huffington, Gründerin und Chefredakteurin der Huffington Post, mal sehr eindrücklich formuliert (siehe unten).

Wir sollten aufhören, Schlaf als dekadenten Luxus zu betrachten. Ich bin völlig dafür, spontan in das Leben hineinzuleben. Mit Müdigkeit für einen ausgelassenen oder verquatschten Abend zu bezahlen. Aber ich bin auch dafür, bewusst mehr zu schlafen. Früher ins Bett zu gehen. Mit Genuss und Hingabe.

Das Wort zum Wochenende: Für mehr Schlaf!

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