ein Tag mit…einem Anwalt

Tommes und ich sitzen im Auto von Witten nach Dortmund. Termin am Amtsgericht und ich bin aufgeregt, denn wann verklagt man schon mal einen Bundesligisten?

Tommes, aka RA Thomas Wings, ist Strafverteidiger in einer Sozietät in Gladbeck und allergrößter Schalke-Fan der Welt. Also allergrößter Schalke-Fan den ich kenne. Tommes hat gemeinsam mit anderen Schalke-Fans die Königsblaue Hilfe e.V. ins Leben gerufen, eine Solidargemeinschaft von Schalkern, die anderen Schalkern bei Problemen mit der Polizei und der Justiz helfen möchte.

Und heute steht ein wichtiger Gerichtstermin an. Ein Mitglied der Königsblauen Hilfe e.V. hat beim Amtsgericht Dortmund einen Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung gestellt. Gegen das Mitglied, Tommes Mandanten, wurde nach dem Auswärtsderby 2012 ein bundesweites Stadionverbot erlassen. Der BVB, der dieses Verbot ausgesprochen hat, weigert sich allerdings auch nach Einstellung des Strafverfahrens, das Stadionverbot aufzuheben.

akten

Königsblaue Hilfe e.V. gegen die Aktiengesellschaft

Und dann sind wir schon da. Parkplatz gefunden, Tommes schnappt sich seine Robe und wir betreten das Gerichtsgebäude. Sicherheitsschleusen, lange Gänge und während wir zum Sitzungssaal eilen frage ich mich, warum ich so wenig darüber weiß, wie das Recht in unserem Land funktioniert. Wie unser Land funktioniert! Wie sie konkret aussieht, die Justiz. Wie sich Gesetze übersetzen in Gebäude, in Arbeit. In Tage wie diesen.

Sitzungsraum 1.043, die Verhandlung geht los. Ich sitze an der Rückwand, auf den Zuschauersitzen. Als einzige. Links vor mir der Münchner Anwalt des BVB, an der gegenüberliegenden Seite der Richter, Tommes Rechtsaußen. Die Verhandlung geht los, ich sitze gespannt da und hoffe, dass ich nachvollziehen kann, was passieren wird.

Ja, es gibt sie noch, die guten Dinge: Diktiergerät!

Vor mir beugen sich drei Juristen über ein Schriftstück und bereden Sprache. Und alles wird festgehalten; was man können muss als Richter: Druckreif in ein Diktiergerät sprechen. Was man können muss als Anwalt: Den einen Paragraphen im richtigen Moment zücken.

Verhandeln, verschieben. Formulierungen abwägen. Ich bin angetan, habe ja selbst eine etwas barocke Einstellung zur Sprache, aber die Bauhaus-Mentalität im Gerichtsaal bewundere ich sehr: Modulare Rechtsprechung.

Neben allen Schriftstücken und Paragraphen sitzen sich aber auch Menschen gegenüber. Menschen, die auch in Roben nicht nur Funktionsträger der Rechtsordnung, sondern Individuen sind. Es geht also auch um Sympathiefragen, blöffen, pokern, zocken. Völlig spannend, wie das abläuft. Da fällt mir dann auch wieder mein Soziologie-Studium ein und der Terminus den Erving Goffman prägte: „Impression Management“. Live und in Farbe!

Auf der einen Seite ist eine solche Verhandlung ein völlig nüchterner, auch ein bürokratischer Akt. Auf der anderen Seite deutet schon die Wortwahl darauf hin, dass es zugleich Schauspiel ist; ein Spiel in Akten. Roben, Bühne, Zuschauer, Spieler und auf dem Spielplan: Liebe, Verrat, Treue, Mord, Eigentum. Oder eben: Stadionverbot.

Nach einer guten halben Stunde ist die Verhandlung zuende und der Richterspruch übersetzt wie folgt: Das bundesweite Stadionverbot gegen den Mandanten wird aufgehoben, es bleibt lediglich beim Betretungsverbot für BVB-Heimspiele im Westfalenstadion. Was will man mehr?!

Auswärtssieg vor’m Mittagessen! Es ist 10.20 Uhr, Tommes twittert die guten Neuigkeiten und ich frage mich, warum ich kein Jura studiert habe und ob es dafür wohl schon zu spät ist.

Nächste Station: Gladbeck

Gladbeck, Amtsgericht. Tommes muss ein Mandat klären, für den Mandanten geht es um die Freilassung aus der Untersuchungshaft. Also wieder Sicherheitsschleuse und warten auf den Inhaftierten. Nebenbei: Ja, es ist schon so ein bisschen wie im Fernsehen.

Justizvollzugsbeamter führt den Angeklagten an Handschellen herein, die Richterin weist auf die Bedingungen der Freilassung auf Bewährung hin. Keine fünf Minuten und wir stehen schon wieder auf der Straße. Handshake mit dem Delinquenten, der beim Herausgehen einen Verwandten trifft, der ihn mit nach Hause nimmt. Familie halt! Es geht in die Kanzlei.

arbeit rechtsanwalt

In Tommes Büro türmen (!) sich die Akten. Jeder, der sich über Aktenberge beschwert, sollte mal gucken, was hier so liegt. Und „was hier so liegt“ sind nur die Akten für den aktuellen Tag. Ich würde vor Schreck erlahmen, Tommes schnappt sich ungerührt einen Haufen und diktiert Briefe. Vorher drückt er mir noch etwas zum Lesen in die Hand: Die letzten Fußballprozesse. Unglaublich, was für ein Aufwand hinter solchen Verfahren steckt. Polizeiprotokolle, Videoauswertungen, Zeugenaussagen: Die Suche nach der Wahrheit. Zwischen dem Beweismaterial, sind Schreiben der Anwälte geheftet: Fehler finden, Möglichkeiten offen halten, zweifeln, beschweren. Anwaltsethos: Wahrheit, ganz klassisch. Die darf sich keiner nehmen lassen. Also auch keine Stimme und keinen Zweifel. Brief schreiben und nachhaken.

briefkopf

Sprechstunde: Der Pott nimmt Platz

Um 14 Uhr beginnt die offene Sprechstunde und ich lerne eine ganz andere Facette dieses Berufs kennen. In den nächsten Stunden nehmen hier Menschen Platz, deren Probleme die allermeisten von uns nur aus der Zeitung kennen. Es geht um Beschaffungskriminalität, häusliche Gewalt, Angst vor Abschiebung. Fahrerflucht, Freiheitsentzug.

Ich blättere in einer Akte: Eine junge Frau, acht Jahre jünger als ich. Wohnsitz: JVA. Die hat Sachen im Blut, die Liste geht bis auf die nächste Seite. Alles wird aufgezeichnet, alles wird festgehalten. Wie auch nach einer Festnahme. Was trug der Angeklagte bei sich? „Ein Fleischerbeil, vier Bierdosen, 1 Cent.“

Dann sitzt uns eine Frau gegenüber, mein Alter, der ich all ihre Beteuerungen glauben möchte. Weg von den Drogen, von dem gewalttätigen Freund, von den Dealern. Und die doch keine davon hält, wie Tommes mir gegenüber ankündigt und eine Woche später per SMS bestätigt. Nur eine Woche später: Alles beim alten. Blaues Auge, Nadelstiche.

In Anlehnung an Tommes Profesionalität versuche ich einen neutralen Gesichtsausdruck, der schwerfällt, wenn man jemandem einfach kurz die Hand auf den Arm legen möchte: Es wird wohl nichts mehr richtig gut, aber ich hör Dir zu. Das ist Tommes Job: Zuhören, Briefe schreiben, diktieren. Jemand der weiß, wie Richter ticken, was ein Jobcenter darf und was nicht und auf wen man sich berufen kann. Jemand, dem man einen Stapel ungeordneter Papiere und Briefe in die Hand drücken kann und dann kümmert derjenige sich. Strafverteidiger: Sozialarbeiter, Zuhörer, Angstnehmer („Ich habe eine gute Nachricht und eine Information.“), Distanzwahrer. Respekt!

Und der Beruf?

Es ist wie es ist. Juristin werde ich wohl nicht mehr: Das Alter! Aber jetzt muss ich dran denken, wie ich während des Studiums in Bonn mit Kommilitonen durch das Juridicum gelaufen bin, kopfschüttelnd vor lauter Segelschuhen und Perlenohrringen und Leuten mit Eurozeichen statt Augen. Da hab ich immer gedacht: Ist das die Zukunft unseres Landes? Die Entscheidungsträger 2020? „Oh weh“, dacht ich dann: „oh weh“. Aber es gibt sie noch, die guten Leute: Danke, Tommes!

P.S. Ein kleiner Leserservice zum Schluß. Was rät ein Anwalt JEDEM im Umgang mit der Polizei:„Nichts sagen! Niemals.“

Und hier der link zu Tommes Blog „Höchststrafe“ („Anekdoten aus der Unterwelt“) – Unbedingt lesenswert!

tommes

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