über Werte I

Vor einem guten Jahr stand ich mit einem Ponyhaarpinsel in einer abgedunkelten Kapelle aus dem 17. Jahrhundert und staubte die Schnitzereien des Chorgestühls ab. Letzte Woche habe ich ein Listical über Werbekampagnen („Lustig bis ultrafies“) erstellt, welches bis gerade eben 7.099 mal auf Facebook geliked wurde. Ich will gar nicht polemisieren, aber heute liege ich krank im Bett und grübele über Werte nach.

Sinn und Zweck, ihr wisst schon

Als eine der wichtigsten Zutaten für einen erfüllenden Beruf wird immer wieder die „Sinnhaftigkeit“ der Arbeit genannt; also der Wunsch, die Arbeit möge ein höheres Ziel, einen Zweck, eine Bedeutung jenseits des Profits für den Arbeitgeber innehaben: Wert. Aber ist die „sinnvolle“ Arbeit auf dem Vormarsch?

Hmm. Die Frage nach Sinn und Zweck einer Tätigkeit ist auch, natürlich, eine ganz persönliche Frage. Für manche Menschen mag die Herstellung von Alkohol des Teufels sein, ich halte Bier brauen für eine sinnvolle, auch erfüllende Tätigkeit. Oder einen Pasty-Shop führen, oder Kunden eine Handwerksdienstleistung anbieten. Es gibt so vieles was man sinnvollerweise tun kann, bevor man Angst vor dem eigenen Spiegelbild haben muss.

Aber…

Bücherregal

Mittlerweile bin ich vom Bett auf’s Sofa gewandert. Und hier sitzen gleich noch mehr Fragen. Vis à vis dem Bücherregal meiner Freundin Julia, in deren Wohnung ich hier in München bin, legen sie mir ihre Köpfe auf die Schultern und wispern. Etwas angeknarzt zwar (sind vielleicht auch erkältet), aber analog hörbar: An welche Werte glaube ich? Schaffe ich selber Werte bei der Arbeit? Hat die Arbeit einen Wert der sich nicht ausschließlich „gespenstisch“, d.h. durch eine Zuschreibung im Markt aufladen muss? Klebt mir der Fetisch an den Fingern? Lässt sich der Widerspruch zwischen meinen Werten und den wirtschaftlichen Realitäten auflösen, ach, aushalten? Wie?!

Als ich noch an der Uni war und an meiner Diss gearbeitet habe, war mir gar nicht bewusst, wie „wertvoll“ diese Tätigkeit war. Denn unabhängig von der ganzen Schinderei, habe ich mir nie Fragen nach dem „Wert“ dieser Arbeit stellen müssen. Forschen, Buch schreiben hielt ich schlicht für unhinterfragbar sinnvoll. Kann man machen! Ob wie Julia über die Bedeutung der Fotografie für die literarische Moderne in den USA oder wie Verena über die Geschichte der Kybernetik in den Wissenschaften der DDR. Oder eben die hysterischen Restaurationsdramen. Eher wenig page views, kaum klicks, aber ein – und wenn nur für mich – bleibender Wert. Bis dato hat, trotz anderslautender Ankündigungen, es noch nicht mal meine Mutter geschafft, mein Buch zu lesen. Will sagen: Wertvolle Arbeit, abstrakter Traffic. Geht!

Arbeit, nicht Produkt

Und jetzt? Listicals sind wertvoll, wenn sie Traffic generieren. Punkt. Sicher, man lernt dabei, was sich „nicht klickt“, aber der Wert selber wird erst „da draußen“ (wherever) geschaffen. Das Produkt bekommt einen Wert, wenn der erste traffic report reinkommt. Was passiert da aber mit der Arbeit selber? In welchem Verhältnis steht die Tätigkeit dann zum Produkt? Und weil es so schön absurd klingt: Der Ponyhaarpinsel und ich, diese Probleme hatten wir nicht. To be continued…

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The Great Staircase – Ham House and Garden (Tür zur Kapelle im EG gerade noch sichtbar)

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