Sport als Beruf I – Das Sportinternat Köln

Im Laufe dieses Sommers, also der Monate Juli-September, hat sich bei mir folgende Idee festgesetzt: Berufen nachzuspüren, die „mehr“ sind als nur Berufe. Also Tätigkeiten, denen man nicht nur seine Arbeitskraft, sondern in gewisser Hinsicht auch sein ganzes Leben, seinen Geist, seinen Körper verschreiben muss. Was bedeutet z.B. Religion als Beruf, Kunst als Beruf, und was bringt es mit sich, Sport als Beruf zu haben?

Sportinternat Köln

Im Gegensatz zu den anderen genannten Bereichen ist Sport, verstanden als Leistungssport, natürlich nochmal eine Ausnahme. Denn für Leistungssportler ist die Karriere mit Mitte 30 in der Regel vorbei. Und ob man will oder nicht, man fällt dann raus aus der Tabelle und muss sich eine andere Aufgabe suchen. Oder muss das „Loch“ fühlen, was bislang das Training, die Erfolge und der Fokus auf den Sport gefüllt haben. Warum entscheidet man sich also trotzdem, diesen Weg zu gehen? Und, vor allem, wie kann es gelingen, an einer dualen Karriere zu arbeiten? Wie kann eine Ausbildung vonstattengehen, die den Menschen als Ganzes und nicht nur den Sportler im Blick hat?

Das Kölner Sportinternat

In den letzten Jahren hat sich einiges getan in der Sportlerausbildung. Fussballinternate gehören mittlerweile zur Standardausstattung eines Bundesligisten und auch dank dieser Einrichtungen darf vermutet werden, dass die nachwachsende Generation an Sportlern mit einer anderen Einstellung an die eigene Karriereplanung gehen wird bzw. bereits geht. Nachwuchsfussballer sind mit Sicherheit eine Spezies für sich, denn in kaum einer anderen Sportart winkt so früh schon so viel Geld und damit die Option, vielleicht mit Mitte 20 schon finanziell ausgesorgt zu haben. Aber wie werden junge Sportler anderer Sportarten betreut? Was bedeutet es, Profi-Judoka oder Feldhockeyspielerin werden zu wollen? Mit welchem Konzept kann hier eine erfolgreiche Ausbildung gelingen?

Mit diesen Fragen ist man in einem offenen, verklinkerten Bau neben dem Rheinenergiestadion gut aufgehoben. Dem Kölner Sportinternat. Eine der ganz wenigen Einrichtungen eines Bundesligavereins, die nicht nur Fussballer, sondern auch Eishockeyspieler und olympische Sportarten unter einem Dach versammelt. Das Internat hat Platz für 40 Jugendliche, die Schülerinnen und Schüler sind zwischen 14 und 20 Jahre alt – die Jugendlichen gehen in Köln auf eine der Kooperationsschulen des Internats und sollen im Internat selbst die nötige Unterstützung für die Bewältigung ihrer dualen Ausbildung (Schule und Sport) erhalten.

sportinternat köln

Ich treffe Teresa Rohner, Pädagogin am Sportinternat, zur Mittagszeit im trubeligen Speisesaal. Dreckiges Geschirr wird abgeräumt, das nächste Training steht an. Teresa bietet mir Kaffee an und wir beginnen zu reden:

GW: Teresa, auf Eurer Website ist davon die Rede, die „Lebenskompetenz“ der Sportlerinnen und Sportler zu fördern. Beeindruckender Begriff: Was meint ihr mit „Lebenskompetenz“?

TR: Zunächst macht man bei uns eine duale Karriere. Also Ausbildung und Sport. Die Schule steht an erster Stelle, der Leistungssport zwar schon ungefähr auf der gleichen Ebene, aber schon etwas darunter. Es geht uns darum, die Kids bestmöglich durch die Schule zu bringen. Lebenskompetenz heißt in dem Fall: Jeden Einzelnen in seinem Charakter, in seinem Sein, nach vorne zu bringen. Schule, Sport und Persönlichkeit sollen gefördert und ausgebildet werden. Das macht Lebenskompetenz aus, klingt hochgestochen, aber es ist eigentlich viel banaler: Persönlichkeitsentwicklung.

Wir wollen zur Selbständigkeit erziehen

GW: Dann gibt es aber ja auch noch die ganz praktische Lebenskompetenz. Ich habe mal ein Interview mit einem Ex-Radsportler gelesen, der erzählte, dass ihn nach einem jahrelangen Leben „on the road“, mit unzähligen Betreuern um ihn herum, nach dem Ende seiner Laufbahn gar nicht klar gewesen wäre, wie man Alltag organisiert.

TR: Ja, das kann ich nachvollziehen, das kann passieren. Woran das liegt? Schwierig, denn die Jugendlichen bei uns sind alle noch am Anfang ihrer Entwicklung. Sie haben einen großen Trainingsumfang zu bewältigen, haben ausgelastete Tage, aber sie sind auch noch im Juniorenbereich und leben nicht vom Sport. Die Schule kommt ja auch noch dazu. Wenn man nicht darauf achtet, könnte es sein, dass die Entwicklung in diese Richtung geht, denn gerade den Fußballern wird viel hinterhergetragen. Das ist gar nicht wertend gemeint, das ist halt dem Geschäft geschuldet. Aber wir wollen zur Selbständigkeit erziehen, da legt auch unser Träger, der 1. FC Köln, viel Wert drauf. Die Fußballer sind auch die einzigen, die bereits Geld verdienen, die anderen bekommen vielleicht Unterstützung um hier wohnen zu können, aber kein Gehalt in dem Sinne. Das ist schon ein großer Unterschied, aber es ist interessant zu sehen, wie die Jugendlichen sich mit dem Thema hier auseinandersetzen. Letzen Endes kann jeder davon profitieren, die Fußballer von den olympischen Sportarten, mal zu sehen, wie es bei den anderen ist.

Wenn es mal einer packt ist das super, aber es ist nicht die Regel. Ganz klar.

GW: Wie gehen denn die Sportler und Sportlerinnen der olympischen Sportarten mit ihrer Perspektive um, möchten die Sport als Beruf ausüben?

TR: Das ist witzig, wir haben gestern einen Ausflug gemacht und im Auto auf der Rückfahrt wurde dann eine unserer Judoka genau das gefragt. Sie meinte aber, dass sie weiß, dass sie mit Judo kein Geld verdienen könne. Aber Olympia sei ihr großer Traum. Da haben viele bei uns schon eine gute Selbsteinschätzung. Klar, die Fußballer wollen Profi werden und eventuell eine Menge Geld verdienen, bei den Eishockey-Spielern ist das ähnlich, aber bei allen anderen: Die wissen sehr wohl, dass sie den Sport idealistisch betreiben. Den Traum zu haben ist wichtig, aber das zweite Standbein sollte auch vernünftig sein. Wenn es mal einer packt ist das super, aber es ist nicht die Regel. Ganz klar.

Man sollte sich in irgendeiner Form gefunden haben.

GW: Aus Interviews kennt man ja die ganzen Plattitüden im Zusammenhang mit sportlichem Erfolg. Welche Charaktereigenschaften braucht man Deiner Meinung nach, um – egal in welcher Sportart – Erfolg zu haben?

TR: Das ist schwierig. Aber eine unglaubliche Willensstärke ist erst mal Grundvoraussetzung. Und klar, was auch immer gesagt wird: Ellbogenmentalität, Durchsetzungsvermögen, d.h. manchmal eben nicht nach links oder rechts schauen, sondern durchziehen. Auf der Erziehungsebene wollen wir das sicher nicht vorleben, aber es kann schon helfen. Und man braucht unfassbar viel Mut. Mut, auch mal Schritte zu tun, die man sich vielleicht selber nicht zutraut. Man muss auch im Kopf, also mental, weit genug sein um in diesem Haifischbecken bestehen zu können. Leistungssport ist kein Zuckerschlecken! Man sollte sich in irgendeiner Form gefunden haben. Es ist manchmal verrückt, als Betreuer, als Trainer sieht man das manchmal, wenn ein junger Sportler auf einmal einen Entwicklungsschritt macht und man sieht: Er könnte es schaffen. Aber dann gibt es auch manchmal Riesentalente, die wahnsinnig chaotisch sind und es trotzdem schaffen. Interessant wäre, das mal in der Retrospektive zu analysieren. Was genau ist bei diesen Entwicklungsschritten passiert, was ist dem vorangegangen?

GW: Kein Patentrezept also?

TR: Nein. Denn manchmal gibt es halt auch einfach Glückskinder.

GW: Vielen Dank, Teresa!

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