„Zeit ist nicht Geld“ – Veedelshandwerker Jörn Keseberg

Vor gut zwei Monaten stieg in Köln-Ehrenfeld der „Tag des guten Lebens: Kölner Sonntag der Nachhaltigkeit“ – als alte Zetetikerin bin ich da natürlich hin, denn wenn schon nicht das „gute Leben“ selbst, dacht ich mir, dann lässt sich zumindest beim Slow Food-Stand bestimmt was Leckeres abstauben. Hat auch geklappt und mehr noch, beim Schlendern fiel mir ein Artikel über den „Veedelshandwerker“ in die Hände.

Da lernte ich Folgendes: Der Veedelshandwerker ist mit einem umgebauten Lastenrad im Viertel unterwegs und übernimmt alle möglichen Arten von Reparaturen und handwerklichen Aufgaben: Parkett verlegen, Türrahmen richten, „Upcycling“ von alten Möbeln, Auftragsarbeiten für neue Möbel. Mit dieser Tätigkeit sei der Veedelshandwerker seinem „Traum von guter Arbeit ein großes Stück“ näher gekommen. „Oha!“, dachte ich mir, „den Mann möchte ich treffen!“

Zwei Wochen später und ich lerne Jörn Keseberg kennen, der mich nicht nur sofort in sein Atelier in der Simrockstraße eingeladen hat, sondern sich auch noch viel Zeit nimmt und offen und ehrlich von seinem Leben erzählt und so Einblick gibt, in seine Arbeit, seine Welt.

veedelshandwerker

Vom Suchen und vom Loslassen

Von diesem Gespräch zu berichten, ist allerdings nicht ganz einfach. Denn als ich überlegt habe, in welche „Reihe“ ich den Artikel über Jörn einsortiere, ist mir aufgefallen, dass Jörn in keine Reihe passt. Und das wiederum, passt zwar ganz gut. Aber macht es auch nicht, eben, einfacher.

Die meisten Menschen erzählen ihr Leben gern als Treppenhaus. Sie steigen unten ein, dann hinauf und auch wenn dieser Aufstieg einer mit Rückschritten ist, ist die eine Stufe nicht ohne die andere erzählbar. Jörn erzählt ganz anders. Wenn man ihm zuhört, hört man Erzählungen, die sich erstaunlich wenig bedingen. Jörn erzählt von seinem Leben und begegnet sich in der Erzählung scheinbar zu jedem Zeitpunkt auf Augenhöhe. Lebensabschnitte (die gibt es schon!) erzählt er nicht als Zwischenschritte, als Stufen, sondern als Zeiten (als Ge-zeiten gar, aber ich versteige mich grad etwas…). Deswegen kann Jörn von seinem Arbeitsleben in den Pyrenäen erzählen, vom Ziegen hüten und restaurieren, vom Studieren, vom Kunst machen und all dies ist dann zwar eine Erzählung vom Suchen und Machen, aber nicht unbedingt eine vom Ankommen.

Deswegen fangen wir doch jetzt einfach mal hier an: Jörn beschließt, eine Tischlerei zu gründen. Er hat eigentlich nicht die finanziellen Mittel, stattdessen viele Bedenkenträger im Nacken, aber er macht es trotzdem und es funktioniert und macht im Freude! Mit seinem Betrieb ernährt er eine Familie und bezahlt Angestellte. Aber irgendwann wird ihm diese Form des Wirtschaftens, die ihm zu sehr eine Form des Er-Wirtschaftens, des Anhäufens ist, zuviel. Diese Art der Selbstständigkeit verselbstständigt sich und wird Korsett: Eine Korsett, in dem aus haben wollen ein sorgen müssen wird. Besitz hat Anspruch und wird zur Belastung.

Jörn entscheidet, loszulassen und gibt die Tischlerei auf. Für ihn ist das weder Rückschritt noch Fortschritt, keine Stufe rauf oder runter, sondern ein „Ausbalancieren“ seiner Wünsche und Bedürfnisse. Dieses „Ausbalancieren“ beruht zugleich auf ganz pragmatischen Überlegungen: Was brauche ich? Was ist mir wichtig? Wie viel muss ich arbeiten, um meine materiellen Bedürfnisse zu erfüllen und wie viel Zeit möchte ich haben, um mich der Zeit hinzugeben? „Heute habe ich alles zusammengeschrumpft“ sagt er, und betrachtet dies als Gewinn. Kein Verzicht, sondern ein Fokus auf Wichtiges.

veedel handwerk

„Zeit ist Geld und son Quatsch: Zeit ist nicht Geld“

Jörn zieht nach Ehrenfeld und findet hier die Möglichkeit, in seinem Atelier sowohl als Handwerker, als auch als Künstler zu arbeiten. Er stellt aus im artclub Köln, Kunstroute Ehrenfeld und im Rahmen der Passagen, aber er macht Kunst ohne Wunsch nach Monetarisierung:„Ich hatte nie ein Interesse daran Kunst zu machen, mit dem Blick darauf, ‚lässt es sich verkaufen?’“ – Zeit und Muße, dem eigenen Tempo folgen und dabei den eigenen Weg gehen: das ist Lebensqualität für ihn. Vielleicht, überlegt Jörn, gibt es Menschen, die sein Leben unanständig finden, zuwenig produktiv, nicht effizient genug. Aber für Jörn bedeutet ein Zeit-bestimmtes Leben nicht nur Muße, sondern „Zeit“ drückt auch seine Einstellung zum Konsum, zum dumpfen Wachstum aus: „Ich möchte mir Sachen anschaffen, über die ich die nächsten 30 Jahre nicht mehr nachdenken muss.“ Jörn verweigert sich ein Stück weit, in dem er eigentlich völlig altmodisch ist: Er repariert Dinge. Er baut Möbel aus Holz. Er bietet Arbeit an, die sich nicht durch das Attribut „billigst“ auszeichnet. Er schätzt gutes Design. Er kauft für Jahrzehnte und will sein Iphone nicht missen. Kein Widerspruch.

Und genau aus dieser Einstellung entstand auch die Idee mit dem Lastenrad: Jörn bewegt sich damit in einem Viertel, das er gut kennt und mag, zwischen Leuten, die er kennt und die ihm vertrauen. Aus einem zufälligen Gespräch ergibt sich ein Auftrag, aus einem Auftrag der nächste. Er braucht dafür kein Auto, so kann er seinen Handwerkslohn attraktiv gestalten, ist flexibel und ansprechbar auch für kleinere Aufträge.

Der Traum von guter Arbeit?

Jörn lebt ein Modell, was für seine Arbeit, seine Kunst und seine Bedürfnisse funktioniert. Was kann man von seiner „guten Arbeit“ lernen? Vielleicht eine Idee bekommen, wofür „gute Arbeit“ auch stehen kann. Und mit dieser Idee im Hinterkopf uns offen, ehrlich, still und leise mal wieder fragen, was wir brauchen. Oder eher: nicht brauchen.

3 replies »

  1. Hallo Gunda,

    toller Artikel über eine wirkliche interessante Person! Irgendwie mag ich deine unvoreingenommene, offene Haltung den Dingen gegenüber und folge daher deinem Blog mit Freude – auch wenn es bedeutet, mich immer wieder selbst zu fragen, was ich vom Leben will. Auf der Suche zu sein scheint mir jedoch besser zu sein als jeder Ort auf dieser Welt. Also wünsche ich dir – und mir, als Leser deines Blogs 😉 – dass du noch lange auf der Suche bist!

    Gruß Kolja

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