Religion als Beruf I – ein Gespräch mit Pfarrer Matthias Schnegg

Ende September in Köln. Die Sonne scheint und die Stadt strahlt so, wie sie sich selbst am Liebsten sieht. Zwischen mir und dem Rhein eine laute Straße, neben mir eine rosa Kirche, ein kleines-großes Juwel. Ich bin mit Pfarrer Matthias Schnegg verabredet, Diözesancaritaspfarrer des Erzbistums Köln und Gemeindepfarrer der beiden romanischen Kirchen St. Maria Lyskirchen und St. Maria im Kapitol.

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St. Maria Lyskirchen

Als ich um die Ecke biege, am Kircheneingang vorbei, stehe ich am Eingangstor zu einer – wie mir scheint – der schönsten Dienstwohnungen Kölns. Pfarrer Schnegg bittet mich herein und wir setzen uns inmitten von moderner Kunst, mit Tee auf der Anrichte und beginnen ein Gespräch über die Arbeit, darüber was Liebe damit zu tun hat und über die Wachsamkeit der Wahrnehmung.

G: Lieber Pfarrer Schnegg, angelehnt an Max Weber, könnte man in Ihrem Fall von „geistlicher Arbeit als Beruf“ sprechen? Oder wie antworten Sie selbst, wenn Sie jemand fragt: ‚Was machen Sie beruflich‘?

Matthias Schnegg: Ich bin ein katholischer Priester und damit verbunden gibt es bestimmte Erwartungen. So gibt es die Erwartung der liturgischen Begleitung, der sakramentalen Begleitung und es gibt die Erwartung an einen Schriftkundigen. Das alles gehört zum weitesten Rahmen. Selbstverständlich auch die tätige Diakonie, also die tätige, nicht nur die gesprochene Nächstenliebe ins Leben zu übersetzen. Das ist meine Arbeit.

G: Welchen Ausbildungsweg haben Sie genommen?

MS: Ich habe Abitur gemacht und dann ein ganz normales Studium, mit Staatsexamen und Priesterseminar im Anschluss und dann: Ran an die Arbeit.

Nach menschlichem Ermessen ist dieser Beruf meine Lebensaufgabe, meine Lebensberufung.

G: Nun ist der Priesterberuf ja nicht nur ein Beruf, der intellektuelle und diakonische Anforderungen mit sich bringt, sondern auch eine Entscheidung für eine bestimmte Lebensführung. Zu welchem Zeitpunkt war Ihnen klar, dass Sie die Entscheidung für dieses Leben, diese Arbeit treffen möchten?

MS: Ich bin mit 24 Jahren zum Priester geweiht worden, das ist sehr früh. Und ich wage mal aus dem etwas gereifteren Abstand zu sagen, dass man mit 24 Jahren so etwas nicht entscheiden kann. Damals fehlte mir aber nichts und ich fand das auch so in Ordnung. Die Entscheidung hat sich nochmal nach 25 Jahren meines priesterlichen Tuns heraufbeschworen, indem ich, aus für mich nicht erklärlichen Gründen, Panikattacken entwickelt habe und begriffen habe, irgendwas gilt es jetzt zu tun. Dann bin ich zwei Jahre aus dem Beruf heraus gewesen, notwendigerweise, um zu gucken: Ist der Beruf vielleicht der Anlass, der Panik, Angst ausgelöst hat? Es gab ansonsten keinen der klassischen Anläße, dass man z.B. eine Beziehung lebt und das nicht mehr aushält, ein klassischer Krisenmoment in unserem Beruf. Das war aber nicht mein Thema. Es kam aus heiterem Himmel und ich musste für mich persönlich herausfinden, wie es weitergeht. Und dann kann ich nunmehr sagen, mit einer sehr viel größeren Freiheit, nach diesen zwei Jahren Auszeit: Nach menschlichem Ermessen ist dieser Beruf meine Lebensaufgabe, meine Lebensberufung.

© Anna Wagner

© Anna Wagner

G: Wie gestaltet sich denn ihr Leben, ihr Arbeitsalltag?

MS: Der Arbeitsalltag gestaltet sich sehr vielschichtig. In der Regel beginne ich um halb acht, in der Regel ist meine Arbeit gegen 21h zu Ende. Dazwischen passieren die unterschiedlichsten Dinge, das geht von administrativen Aufgaben, die ich als Leiter dieser zwei Gemeinden zu erledigen habe, über Besuche im Altenheim, im Krankenhaus, in Krisenfamilien; Einzelgespräche mit Menschen über geistliche Themen oder Lebensberatung und dann mache ich auch noch Fortbildungskurse. Es ist ein breites Spektrum, das meine Arbeit ausmacht. Und natürlich Gottesdienst feiern.

G: Gibt es im Alltag eine Trennung die denkbar ist, zwischen Arbeit und Privatheit?

MS: Fast nicht und da ich auch schon 67 Jahre alt bin, überlege ich auch langsam, was ich mache, wenn mein Leben nicht mehr von dieser Arbeit bestimmt ist. Bei uns kann man ja mit 70 aufhören, mit 75 muss man aufhören und das glaube ich ist ein gutes Indiz zu ihrer Frage. Ich empfinde das aber nicht als bedrängend, sondern finde es sinnvoll, dass ich mit der ganzen Kraft meines Lebens diese Arbeit tue. Meine sozialen Kontakte sind nicht dominant, aber die lassen sich unterbringen. Ich fühle mich in meinem Bedürfnis, einen eigenen Raum zu haben nicht eingeschränkt.

G: Wie gelingt es Ihnen trotz dieser fehlenden Abgrenzung eine professionelle Distanz zu wahren?

MS: Der Trick heißt, „in der Gegenwart zu sein“. Wenn ich z.B. in der Notschlafstelle für obdachlose Drogenabhängige bin – ich arbeite da regelmäßig ehrenamtlich mit -, bin ich nur da und wenn ich da wieder weggehe, habe ich natürlich Eindrücke und Dinge die mich beschäftigen können, aber nicht so, dass sie mich hindern, meine anderen Tätigkeiten zu vollziehen.

Gibt es eine Zuneigung zu dem, was ich mache?

G: Nun hat die katholische Kirche ja Nachwuchsprobleme, gibt es einen Rat, den Sie jungen Männern geben möchten, die den Priesterberuf anstreben?

MS: Das ist recht schwierig. Er sollte sich bewusst sein, dass er nicht fertig ist und das er sich auf etwas einlässt, das ein lebenslanger Prozess ist. Wichtig wäre zu gucken, ob man die Menschen liebt. Das ist natürlich ein großes Wort. Aber das kann man schon irgendwie abklären. Wenn jemand nur Priester werden will, weil man da schöne Liturgie feiern kann, sollte er ein bisschen zurückhaltend sein. Und was wichtig wäre, sich intensiv mit der Heiligen Schrift zu beschäftigen, als der Hauptgrundlage unseres Glaubens. Das sind die Bedingungen, die wichtig wären und dann sollte man sich fragen, ob man sich zutraut, diese Lebensform, wie sie zurzeit gilt, leben zu können. Aber das kann ich nur so vage ausdrücken, denn die letzte Entscheidung trifft das Leben in seinem Prozess. Wenn man sich in jungen Jahren für die zölibatäre Lebensform entscheidet, kann man das nicht abschätzen.

G: Und ganz grundsätzlich? Beruf und Arbeit hat ja immer auch etwas mit Lebensführung zu tun, mit einer „guten“ Lebensform, z.B. Gutes zu wirken, nicht nur Geld vermehren zu wollen, in seiner Arbeit vorzukommen. Welche Tipps könnten Sie jungen Menschen in Bezug darauf mit auf den Weg geben?

MS: Das entscheidende Kriterium ist vermutlich, ob das was ich tue etwas mit Leben und mit Liebe zu tun hat. Wobei das Wort Liebe furchtbar schwierig ist, also zu ergründen was das ist. Aber meine Ahnung davon heißt: Gibt es eine Zuneigung zu dem, was ich mache? In meinem Berufsfall gibt es die Frage: Gibt es eine Zuneigung zu Menschen und gibt es eine Zuneigung zu der Ahnung dessen, was wir Gott nennen? Für jemanden, der Bankfachmann werden will ist es die Frage, gibt es eine Zuneigung zu dem, was Banken tun und mit welcher inneren Haltung muss ich mich dann konfrontieren, wenn ich das machen will?

G: Gibt es auch Mechanismen, wie die Liebe zum Menschen aufrecht erhalten werden kann, wenn sie mal nicht so spürbar ist? Also sich selber gerecht zu werden, dem eigenen Beruf gerecht zu werden, auch in schwierigen Zeiten?

MS: Ich vermute, dass sie über weite Zeiträume nicht spürbar ist. Weil sie eben zur Alltäglichkeit gehört. Deswegen bin ich auch so zurückhaltend mit diesem Begriff und glaube gleichzeitig, dass dieser Begriff eine Vorstellung weitergibt, um was es geht. Den Trick dabei gibt’s nicht. Ich kann das nicht einfordern, es geht um eine Wachsamkeit der Wahrnehmung. Gerade in Begegnungen mit den Junkies gibt es Momente, wie Blitze, wo ich merke, ach, es gibt so grundsätzlich etwas was Menschen verbindet. Dann meine ich etwas zu spüren und zu begreifen, was Liebe ist. Einmal fiel ein durch Drogen sehr Zugedröhnter vom Stuhl und als ich ihm wieder auf den Stuhl geholfen habe, habe ich gespürt: Das ist, was man Liebe nennt. Nicht weil ich mich als Helden beschreiben will, es war einfach das Offensichtliche, was zwischen Menschen da sein kann. Von solchen Erlebnissen nährt sich dann auch die Banalität des Alltags.

G: Je mehr man auf Menschen zugeht, desto mehr sucht man ja auch die Liebe. Und je mehr man sich von ihnen entfernt, desto weniger wird man sie finden können?

MS: Das Interessante bei dieser Begegnung ist, dass ich sie nicht gesucht habe. Deshalb mein Ausdruck „Wachsamkeit der Wahrnehmung“, wenn das wie so ein Blitzmoment, so ein Wort, durch mich durchgeht. Das hat mich damals beglückt, weil ich eine Antwort auf etwas gefunden habe, was ich überwiegend meine als Abstraktum zu kennen.

G: Pfarrer Schnegg, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

Kategorien:Gespräche

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