Wissenschaft als Beruf I – Ein Gespräch mit Prof. Dr. Rudolf Wiesner

Nachdem ich mich in terra incognita, der Umgebung der Medizinischen Fakultät in Köln, arg verfranst habe, komme ich schließlich doch noch an mein Ziel: MIT Physiologie, Gebäudenummer 45, Dienstanschrift von Prof. Dr. Rudolf Wiesner, Professor am Institut für Vegetative Physiologie. Das Institut ist gut gesichert, der Eingang verschlossen, eine junge Mitarbeiterin öffnet mir die Tür, „aha“, denk ich mir, „hier gibt’s wohl nicht nur Bücher…“ Auf in den zweiten Stock, zu Rudolf Wiesner und einem Gespräch über „Wissenschaft als Beruf“:

G: Lieber Herr Wiesner, eine kleine Zeitreise zu Beginn: Sie haben gerade Abitur gemacht, was haben Sie nun vor?

Rudolf Wiesner: Da ich, wie viele Kinder und Jugendliche, gerne ‚was mit Tieren machen‘ wollte, hatte ich mir überlegt, dass ich entweder Veterinärmedizin studiere oder Biologie. Aus persönlichen und finanziellen Gründen war es leider nicht möglich Veterinärmedizin zu studieren, da das Studium nur an wenigen deutschen Universitäten möglich ist. Deswegen habe ich dann an meinem Wohnort, Münster, Biologie studiert.

G: Und wie lief ihr Studium dann ab, denn wenn ich ihren Lebenslauf richtig deute, sind Sie ja sehr zielstrebig vorangeschritten? Wollten Sie von Anfang an die Wissenschaftslaufbahn einschlagen und hatten nie andere Pläne?

RW: Ne! Das ist schon ganz ungewöhnlich und ich habe damals auch viele Leute ziemlich geschockt damit. Ich bin mit einer unglaublichen Naivität da rangegangen und zwar mit dem klaren Ziel: Ich will Biologieprofessor werden. Punkt! Das hatte ich mir vorgenommen und dann hat es sogar funktioniert! Was natürlich nicht ohne Weiteres vorauszusehen war, von den 150 Leuten, mit denen ich angefangen habe zu studieren, sind fünf letztendlich Profs geworden. Klar, es wollten auch nicht alle, aber nach oben wird es schon ziemlich eng. Dass ich es geschafft habe, heißt nicht, dass ich wahnsinnig schlau war, aber dass ich eine Zielstrebigkeit hatte und das eben richtig wollte. Und dann habe ich auch noch ein paar gute Entscheidungen getroffen, das hat es dann ausgemacht.

G: Gab es denn große Hürden, die Sie zu überwinden hatten?

RW: Das war damals schon auch ein mutiger Schritt. Im Unterschied zu heute kann man sagen, dass Biologie eine unglaublich komplexe Wissenschaft geworden ist, vielleicht vergleichbar mit der Physik in den 1920er Jahren des letzten Jahrhunderts, mit Einstein und Schroedinger. Ich bedauere die jungen Leute extrem die jetzt drüber nachdenken, voll durchzustarten, Profs werden zu wollen, denn man muss mittlerweile nicht nur um zwei Ecken denken können, sondern um fünf Ecken, muss ungemein viel mehr Methoden zusammenbringen. Es ist sehr sehr viel schwieriger geworden und das war damals schon einfacher. Man musste nicht so furchtbar clever sein, um da vorne mit dran zu sein.

© Uni Köln

© Uni Köln

G: Sie sind seit 16 Jahren Professor und als solcher haben sie ja ganz unterschiedliche Arbeitsgebiete: Forschung, Lehre, Wissenschaftsmanagement…

RW: Verwaltung! Nennen wir es Verwaltung, ‚Management‘ klingt ja noch gut, aber wir haben einfach auch viel zu viel zu verwalten.

G: Wie viel Zeit können Sie denn für die einzelnen Bereiche aufbringen?

RW: Ich bin ja jetzt an einer medizinischen Fakultät gelandet, und da ist man als Biologe schon ziemlich gesegnet, weil medizinische Fakultäten in der Regel sehr gut ausgestattet sind. Das heißt ich kann tatsächlich ungefähr die Hälfte meiner Arbeitszeit für Forschung aufbringen, ungefähr ein Viertel mache ich Lehre und der Rest geht für’s ‚Management‘ drauf, das heißt auch dafür zu sorgen, dass meine Arbeitsgruppe gut läuft. Aber ich muss auch viele Anträge schreiben, für Tierversuche, Gentechnik, sehr viel Bürokratie. Auch wir leiden unter der in Deutschland weit verbreiteten Über-Bürokratisierung von Arbeitsabläufen.

G: Sie haben ja bestimmt eine ganze Reihe an Doktoranden. Was würden Sie einem jungen Biologen raten der, genau wie sie, Prof werden will? Welche Fähigkeiten muss der mitbringen, welche sollte er ausbilden?

RW: Leidensfähigkeit und Frustrationstoleranz. Experimente gelingen meistens beim ersten Mal genau so wie man sie sich vorstellt und dann ein halbes Jahr lang überhaupt nicht mehr. Aber dann muss man eben diese Durststrecke durchstehen, damit sie wieder gelingen. In jedem Fall sollte man sich eine sehr gute Arbeitsgruppe suchen und zwar in jedem Stadium des Studiums. Spätestens in der Masterarbeit würde ich  versuchen, eine in ihrem Feld international sehr renommierte Arbeitsgruppe zu finden, das gilt weiter für die Promotion und dann für die PostDoc-Zeit. Renommierte Leute, aber man sollte auch darauf achten, dass es freundliche, nette Leute sind. Es gibt natürlich in diesem extrem kompetitiven Feld, wo es einen Nobelpreis zu vergeben gibt, Arbeitsgruppen, wo das Leben schon sehr furchtbar ist. Da würde ich jedem von abraten. Aber wenn man es mag, kann man sich natürlich auch quälen und ist dann vielleicht sogar ein kleines bisschen im Vorteil. Aber ich glaube, man kann auch eine nette Arbeitsgruppe finden, die vorne dran ist. Denn nur dort lernt man, wie man‘s richtig macht.

G: Und unabhängig von der Wissenschaft. Welchen Rat würden Sie jungen Menschen geben, die auf der Suche nach einem Studienfach, einer Beschäftigung sind?

RW: Seinen eigenen Leidenschaften nachzugehen ist sicherlich der beste Rat, denn man geben kann. Und wenn es heißt, sich für altägyptische Papyrusrollen zu interessieren und  da gibt es vielleicht alle fünf Jahre mal einen entsprechenden Job in Deutschland, wo man diese Leidenschaft ausüben kann. Aber wenn man der Beste, der Beste in Deutschland ist, weil man es wirklich wahnsinnig gerne macht, hat man eine gute Chance, diesen Job zu kriegen. So exotisch kann das gar nicht sein, man muss es eben mit ganz großer Leidenschaft machen, dann hat man eine gute Chance, man sollte halt nichts machen, was man nur ‚so halb‘ machen will.

G: Zu guter Letzt: Karl Lagerfeld hat mal gesagt, dass in dem Moment, wo man seine Arbeit mag, es keine Arbeit mehr ist. Können Sie mit dem Satz was anfangen? Gibt es für sie eine Trennung zwischen Arbeit/Nicht-Arbeit?

RW: Ja, auf jeden Fall.  Das kann ich mir in der Situation von Karl Lagerfeld so vorstellen, kann mir aber nicht vorstellen, dass er das so gesagt hätte, als er noch Stoffe zuschneiden musste, da fand er das vielleicht auch nicht so dolle. Das hört man ja gerade von Wissenschaftlern ganz oft: „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“. Das ist Blödsinn! Es schmerzt immer, es tut immer weh. Es klingt zwar nett, aber es geht an der Realität vorbei. Unsereinem macht der Job wirklich extrem Spaß, und dieser Job ist natürlich ein absoluter Traumjob, man hat halt keinen Vorgesetzten. Ich könnte jetzt morgen sagen, ich forsche nicht mehr an Mitochondrien, den Kraftwerken der Zelle, sondern ich forsche jetzt an Chloroplasten und die sind auch interessant. Ich hab Forschungsfreiheit und ich mach jetzt Fotosynthese. Und das dürfte ich tun und das ist natürlich genial, aber das ist natürlich ein Privileg, dass muss man nicht unbedingt haben. In einer guten Struktur eingebunden zu sein, mit einer guten Arbeitsgruppe: Dann ist es eigentlich egal!

G: Vielen Dank, Herr Wiesner!

allgäu 032

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