Promovieren? Die Antworten Teil II

Olaf, Historiker, 44 Jahre, Geschäftsführer

Es kommt darauf an! Ob man drei bis vier Jahre des eigenen Lebens in ein solches Projekt stecken möchte, lässt sich nicht allgemeingültig entscheiden. Wissensdurst ist meines Erachtens unverzichtbar – und gewinnt man dann im Zuge der Forschungsarbeit neue Erkenntnisse, erlebt man Momente großer Freude.

Eine Promotion nur als dilatorisches Projekt, um etwa noch einige Zeit an der kuscheligen Uni zu bleiben und Entscheidungen über den weiteren Lebensweg aufzuschieben, sehe ich skeptisch. Irgendwann steht namentlich die Auseinandersetzung mit dem Arbeitsmarkt und möglichen eigenen Rollen auf ihm sowieso an – besser früher als später.

Promotion und Karriere: Viele promovieren, nicht um ein bestimmtes Karriereziel zu verfolgen, sondern um sich keine Option zu verbauen. Einerseits verständlich, andererseits lassen sich nie alle Möglichkeiten ein Leben lang offenhalten.

Letztlich geht es um Entscheidungen, die jede/r für sich selbst treffen muss: Wie und wo will (und kann) ich arbeiten und leben, und passt eine Promotion dazu?

Marc, Germanist, 31 Jahre, Promotionsstudent

Soll man oder soll man nicht? Für die Außenansicht: Soll man jemand sein, der eine Dissertation schreibt? Für die Innenansicht: Was heißt es, eine Dissertation zu schreiben,wenn man eine Dissertation schreibt?

Weg von den rhetorischen Spielchen: Vielleicht gibt es drei Motive, aus denen heraus man so etwas tut. Es sollte hizugefügt werden: Es geht um eine Dissertation in den Geisteswissenschaften. Es geht also auch um Isolation. Was wären diese drei Motive? Karriere, Prestige und/oder Interesse.

Karriere: Es hält einen in der Anstalt und die Dissertation ist nur einer von vielen notwendigen Zügen im Spielchen um bezahlte Geistesblitze. Eigenes Wissenwollen ist hierbei nicht notwendig erstrangig. Es geht ums Zeigen. Man zeigt, was man kann. Wissen wollen kann man später, wenn das Zeigen einem nicht den Rest gegeben hat.

Prestige: Tomaten sind die neuen Geranien. Pink ist das neue Schwarz. Und die Dissertation ist das neue Abitur. Soviel zum Prestige.

Interesse: wissen wollen, scharben, kratzen, wühlen, sich in die kleinsten Fugen verkriechen, eine Kartographie entwickeln, die die alten weißen Flecken schwärzt. Also zurück zur Rhetorik. Was sich eignet, sind Analogien, noch so ein Traum des Sichtbarmachens. Der Maulwurf also. Auf der Suche nach Insekten, Würmern und Larven gräbt er sich ein unterirdisches Gängesystem zusammen. Er befördert humusfreies Unterbodenmaterial an die Oberfläche, das sich dort meist zu störenden Haufen aufschichtet. Besonders in Privatgärten zählt diese Schichtung als Makel. Der Haufen lässt übersehen, dass diese Tätigkeit das Bodengefüge auflockert und durchlüftet. Das Tier ist angeblich nicht blind, aber anscheinend kann es gerade einmal zwischen Hell und Dunkel unterscheiden. Das Tier ist ein Einzelgänger, der unter Artenschutz steht, sich aber Artgenossen gegenüber eher feindlich verhält, zumindest in Zentraleuropa. Der Erwerb kognitionspsychologischer Vorteile treibt ihn also in die gesellschaftliche Fragwürdigkeit. Und dennoch stellen ihm nicht allzu Betroffene bisweilen Putzigkeit aus. Aber vielleicht halten Analogien auch nicht immer und wenn doch, dann nicht immer vollständig. So kann man Maulwürfe vertreiben, indem man einen Pflock in die Erde rammt und auf diesen einschlägt. Aber wie vertreibt man jemanden, der eine Dissertation schreibt? Oder noch schlimmer: der eine Dissertation schreiben will? Der Platz geht aus und die Luft auch: Auf die Frage, ob man eine Dissertation schreiben sollte, antworte ich mit einem uneindeutigen Ja. Geht graben.

Bernhard, Politikwissenschaftler, 36 Jahre, Referent Wissenschaftsmanagement
Ich würde es wieder tun. Jederzeit. Nicht weil der Dr. mir mehr Einkommen oder einen Freifahrschein in den Traumjob beschert hätte. Er hat auch nicht geschadet – aber der eigentliche Gewinn war die Zeit des Schreibens, mehr noch, die Zeit der Vorbereitung. Ein Thema aussuchen, das man für interessant hält, vielleicht sogar wichtig, es von allen Richtungen her durchdringen, neue Sichtweisen entwickeln. Vor allem: ein Umfeld haben, das kritisch  hinterfragt, kreativ denkt und Spaß daran hat, Dinge auch mal anders zu sehen. Eine Diss ist ein intellektueller Spielplatz. Man sollte nicht ewig darauf spielen, aber ein paar Jahre können ein profunder Gewinn sein. Daher: no regrets.

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