Promovieren: Ja oder Nein?

Als ich über Status nachgedacht habe, ist mir auch wieder eingefallen, dass ich ja einen Doktortitel habe und dann (an dem Tag ging es mir nicht so gut) kam mir kurz die Bitterkeit hoch und ich fragte mich: Wofür eigentlich?

Ich weiß: Die Frage greift zu kurz. (Wie gesagt, schlechte Laune an dem Tag.) Denn nur weil meine jetzige berufliche Tätigkeit (anders als noch im Wissenschaftsmanagement), keine Promotion voraussetzt bzw. „erwünscht“, ist vieles was ich kann und ja, auch, was ich bin, mit der Zeit der Promotion eng verbunden. Auch aus diesem Grund lässt sich der Doktortitel nicht einfach valutieren, aber es lässt sich schon fragen: Was hat das aus mir gemacht?

3,5 Jahre

Zunächst dauert eine (geisteswissenschaftliche) Promotion nun einmal recht lange. Zeit, in der ehemalige Kommilitonnen ins Referendariat gehen, wegziehen, ins Berufsleben starten, Familien gründen. Zeit, in der man selber sich mit mit allem was man so hat (Begeisterung, Naivität, Willen) in ein Thema reinknabbern muss. Bröckchen für Bröckchen. Zeit, in der man fortwährend über eine Sache nachdenkt, von der sonst fast niemand etwas weiß. Blut, Schweiß und Tränen, nichts davon metaphorisch. Viel Arbeit, Arbeit die ins Leere läuft, nie versiegt und von der man nur in den wirklich guten Momenten glaubt, dass sie was taugt.

Ich habe 3,5 Jahre am Schreibtisch gesessen und ganze Wälder in Form von Büchern aus der Bonner UB nach Köln geschleppt, habe Vorträge gehalten, Rezensionen geschrieben, nächtliche Panikattacken durchgestanden und in ganz ganz ganz schwachen Augenblicken zur Motivation meinen Namen mit „Dr.“ davor in ein leeres Word-Dokument getippt.

Ich habe aber auch eine Zeit genossen, in der ich – unabhängig von meiner halben Stelle an der Uni – sehr autark arbeiten konnte und vor allem: für mich arbeiten konnte. Wissenschaftlicher Dialog ist das Eine, das Andere ist:  Das war mein Buch. Und es ist, auch wenn es einem zu der Zeit vielleicht nicht so deutlich ist, ein wunderschönes Privileg, sich jahrelang ganz einer Epoche, einem Phänomen, einer Fragestellung widmen zu können. So gut es geht eine Idee davon zu bekommen, unter welchen Bedingungen Texte entstanden sind und zu deuten, wie diese Texte unsere Weltsicht und unser Handeln so nachhaltig geformt haben.

september 11 007

Dr.=Karriere?

Eine absurde Situation: Da hat man jahrelang hart und erfolgreich gearbeitet und dann wird der rote Teppich nach der Promotionsfeier einfach wieder eingerollt und man sitzt schon wieder am Schreibtisch, diesmal mit der Frage: „Halbe Stelle?! In Eisenach? Befristet?“ Will sagen: Eine Promotion ist kein Karrieregarant, sie ist noch nicht mal ein Job-Garant. Jahrelanges „inhaltliches Arbeiten“ ist für die allermeisten erstmal vorbei. Daher sollte man sich, wenn es an die Frage geht:  „Promovieren: Ja oder Nein?“ in jedem Fall zunächst ein paar entscheidungsverlangsamende Gedanken machen.

Denn diese Frage betrifft immer mehr Absolventinnen und Absolventen. Mit dem (ich möchte fast sagen) inflationären Aufkommen von Graduiertenzentren im Rahmen der Exzellenzinitiative gibt es mittlerweile immer mehr Promovierende, immer mehr Promovierte, die alle auf einen Arbeitsmarkt drängen, der leider weder genug interessante noch genug angemessen bezahlte Jobs bereithält. An der Uni sieht es sogar noch düsterer aus, denn eine analoge Aufforstung von annehmbaren Post-Doc Stellen, Mitarbeiterstellen oder überhaupt Karriereaussichten an den Universitäten ist nicht erfolgt. Die Abbruchquote von Doktoranden ist hoch und insbesondere die Promovenden, die nicht an einem Graduiertenzentrum promovieren, sondern ganz schlicht an einem Lehrstuhl, sind, was die Ausbildung ihrer „employability“ angeht, auf sich alleine gestellt. Wie realistisch die Ansichten von „employability“ an Graduiertenzentren sind, sei hier nur angedeutet. Denn egal, was viele Professorinnen und Professoren, viele Uni-Hochglanzbroschüren behaupten: Eine erfolgreich abgeschlossene Promotion ist zwar ein Nachweis für einige Arbeitsmarkt-relevante Qualitäten (Durchhaltevermögen, Projektmanagement-Fähigkeiten, Ausdauer, Belastbarkeit, Analysefähigkeit…), aber sie macht einen nicht zur warmen Semmel des Arbeitsmarktes. Auch, weil man den „Arbeitsmarkt“ in der Regel gar nicht kennt.

Jahrelanges Verweilen an der Uni lehrt einen viel über Autoritäten, Netzwerken und Selbst-Marketing, aber was die Promotion ganz prosaisch als erster bullet point auf dem Lebenslauf so kann, lernt man dort nicht. Ein Beispiel aus einem Artikel im Zeit Magazin, dort wird ein Promovend folgendermaßen zitiert:

Und was seine Zukunft angeht, ist Thomas heute ratloser denn je: »Ich saß ja nur in der Bibliothek die letzten Jahre, wie soll ich dabei denn herausgefunden haben, was ich will?«

Und das ist das zweite Problem. Nicht nur erfährt man nicht, welche Chancen es beruflich außerhalb der Uni so gibt, man hat auch keine Chance herauszubekommen, was man denn eigentlich will. Man hat ja jahrelang nur alte Dramen gelesen. Und dafür will einen nun niemand mehr bezahlen. Schade.

Also?

„Lohnt“ sich der Doktor? Sollte man „es“ wagen? Es gibt viele gute Gründe, zu promovieren. Aber die Antwort auf diese Frage muss immer eine persönliche sein. Sie ist abhängig von den finanziellen und institutionellen Rahmenbedingungen, der Qualität der Betreuung, der Lust am Thema, der Leidensfähigkeit, der Einstellung zur Freizeit. Und gerade weil diese Frage so persönlich ist (und daher natürlich unbeantwortbar), habe ich mal nachgefragt bei Promovierten: Wie siehst Du das? Promovieren: Ja oder Nein?

Antworten geben in Folge:

eine Historikerin – ein Volkswirtschaftler – ein Politikwissenschaftler (Teil I)

ein Historiker – ein Germanist – ein Politikwissenschaftler (Teil II) 

 

 

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