Yoga als Arbeit: Pia von Yogapunx

An einem spätsommrigen Dienstag Abend in Köln-Ehrenfeld: Als ich mich zum siebten Mal in den herabschauenden Hund drücke, weiß ich was – zumindest für mich persönlich – „Yoga als Arbeit“ bedeutet. Aber der Reihe nach: Diesen Sommer saß ich eines schönen Tags an einem See und fragte mich, wie es sich wohl anfühlt für anderer Leute Freizeit bzw. Urlaub zu arbeiten. Oder anders: Wie arbeiten eigentlich Menschen die zum Beruf haben, was für die meisten Leute eben KEINE Arbeit ist: Urlaub, Sport, Kunst, Party, Entspannung? Zurück in Köln waren es von der Frage aus dann genau vier Emails und ein Telefonat bis ich bei den Yogapunx auf der Matte stehe und mir Pia auf die Lendenwirbel drückt.

Yoga punk

Yogapunx

Nach 90 famosen Minuten Hund, Bogen, Pflug & Co. dann Zeit zum Zuhören und Pia erzählt: Wie die Vorteile von fließend warmen Wasser sie erst in ein Berliner Fitnessstudio und dort zum Yoga gebracht haben, wie sie es verlor und wiederfand, in Australien, mit Freunden, und wie es dann irgendwann einfach weiterging: „Wenn Du Yogalehrerin wärst, würd ich das auch machen!“ Also Ausbildung(en) absolviert und weiter praktiziert. Yoga fließt und Punk ist nicht geplant, aber es passiert trotzdem. Vor drei Jahren hat Pia daher Yogapunx ins Leben gerufen unt bietet, mittlerweile mit weiteren Yogapunkerinnen, non-profit Yogakurse im Kölner AZ und low-profit Kurse in Ehrenfeld an. Persönliche und bezahlbare Yogakurse für Menschen, die Lust auf gurufreie und persönliche Yogapraxis haben und kritisch genug sind, um nicht jeden Quatsch im Sinne der Entspannung zu ertragen.

Lebensmodell

Dank Yoga(punx) hat Pia ein Modell gefunden, dass sich ihren Bedürfnissen anpasst und nicht umgekehrt. Sie arbeitet in Teilzeit als Heilerziehungspflegerin in einer inklusiven Kita, sitzt am Abschluss ihres Studiums der Sozialen Arbeit und gibt Yogakurse. Diese Kombination erlaubt es ihr, nicht Vollzeit arbeiten zu müssen, aber dennoch ein entsprechendes Vollzeit-Gehalt zu verdienen. Sie entspricht ihren eigenen Ansprüchen an sinnvolle Arbeit mit ihrer Tätigkeit im sozialen Bereich, aber sie hat sich mit dem Yogaunterricht auch selbst Arbeit geschaffen, die es ihr nicht nur erlaubt Freiräume zu leben, sondern auch genug Energie dafür zu haben.

Die meisten Menschen sind ja irgendwie immer so kaputt, wenn sie von der Arbeit kommen. Man kann manchmal den Eindruck haben, als dürfe man gar nichts anderes sein als „kaputt“, wahlweise „gestresst“, es sind die Marker der Ernsthaftigkeit und der Authentizität, es ist das Codewort der Gemeinschaft der Erwerbstätigen. Und es ist die Faulheit der Konversation. Arbeit: Nimmt Kraft, gibt Stress. Und bei Pia? „Je mehr ich unterrichte, je mehr Energie habe ich!“ Ätsch!  Durch ihre Arbeit bekommt Pia nicht nur Energie, sondern gewinnt auch etwas, das sich vielleicht mit „Nicht für die Arbeit, für das Leben lernen wir“ umschreiben ließe. Sie kann sich mit Sachen beschäftigen, die sie interessieren, die sie auch in der eigenen Praxis weiterbringen: Win, win! Und apropos: Ihre Arbeit ist nicht nur Zeitmodell und, nennen wir es mal: Energiehaushaltsmodell, sondern natürlich auch: Geschäftsmodell.

Pia Yogapunx

„Willkommen im Berufspunkerinnentum!“

Ich frage Pia nach ihren beruflichen Ambitionen, für viele Menschen bedeutet „Arbeiten“ ja ein Einstieg ins „Mehr“: Mehr Status, mehr Geld. Soll Yogapunx wachsen? Ist Wachstum überhaupt eine Perspektive? Oder: Welche Alternative dazu gibt es?

Ganz klar, aus Yogapunx soll kein Studio werden, sie wollen nicht noch größer werden, denn dann wäre es irgendwann eben kein Modell mehr, sondern ein System. „Mehr Arbeiten“ bedeutet für Yoga-Lehrer/innen meistens noch mehr in den Abendstunden arbeiten und was das betrifft ist für Pia eine Grenze erreicht. So wie es läuft, läuft es erstmal gut. Und beantwortet die Frage, was man denn will vom Leben? Wieviel Zeit, wieviel Geld, wieviel Raum.

Pia ist aber auch Geschäftsfrau und dazu gehört, dass Geld natürlich wichtig ist, sie bietet eine gute Leistung an, dass sollte entsprechend honoriert werden. Denn es ist schon verrückt: „Die Leute kaufen die miesesten Produkte von den fragwürdigsten Firmen“ und dann tun sich manche schwer, pünktlich für Yogastunden zu bezahlen. Damit umzugehen lernt man schnell als Geschäftsfrau und man lernt auch, wieviel Geld man haben möchte. Pia hat nicht den Eindruck, dass sie sich einschränkt, im Gegenteil: Das was ihr wichtig ist, kann sie sich leisten und darüber hinaus gilt (immer):„Es gibt so viele Sachen die schön sind, aber ich brauch sie halt nicht alle.“

So, und das ist das Schlusswort. Namaste, Pia und Danke!

Die Yogapunx im Web findet ihr hier.

Bei Facebook hier.

Und Pia hier.

DRadio Wissen über Yoga (mit Pia).

Kategorien:Gespräche

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2 replies »

  1. Wirklich sehr interessant und aufschlussreich.

    „als dürfe man gar nichts anderes sein als kaputt oder gestresst“ – Da haben wir es mal wieder. Wahre Worte. Die Ansicht man arbeitet nur richtig wenn einer der beiden Punkte zutrifft, ist leider viel zu sehr in uns verankert. Ich erwische mich dabei selbst immer wieder. Diese Ansicht aus seinem Unterbewusstsein zu bekommen ist kein leichtes Spiel und fordert immer wieder eigene Arschtritte.

    • das geht mir auch so. habe erst vorhin wieder gemerkt, dass mir richtiggehend die Worte fehlen, wenn ich jemandem sagen will, dass ich sehr viel um die Ohren habe, damit zufrieden bin und das so mag!

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