„30 Jobs in einem Jahr“ – eine Kritikerrevue

Dass Arbeit ein Thema ist, wusste ich ja. Dass aber zeitgleich jemand ein ganz ähnliches „Projekt“ unternimmt, nämlich einen sicheren Job verlässt, um sich auf die Suche nach einem erfüllenderen Arbeitsleben zu begeben, hat mich…ach, nö, hat mich eigentlich nicht überrascht.

Jannike lässt seit Kurzem ihre Stelle als Personalerin bei Volkswagen ruhen um sich auf die „Suche nach ihrem Traumjob“ zu begeben. Inspiriert wurde sie von Robert Krznarics „How to Find Fulfilling Work“, einem Ratgeber, in dem das „einfach Machen“ als vielversprechende Route zum erfüllenden Arbeitsleben dargestellt wird. Und genau das macht Jannike nun: „30 Jobs in einem Jahr“, vorgestern wurde ihr Projekt bei Spiegel Online vorgestellt.

Bislang habe ich selbst nur sehr positive Rückmeldungen auf mein eigenes „radical sabbatical“ bekommen, umso interessanter zu lesen, wie die SPON Kommentatoren auf Jannikes Projekt reagieren: Sehr gemischt. Neben einigen durchaus anerkennenden Kommentaren findet sich auch eine ganze Reihe an aufgekratzt-empörten Kritikern: „Wat wollnse?!“ kann man sich da fragen, deswegen jetzt und hier die ultimative Aufschlüsselung in vier Punkten:

  • „Dieses Denken ist unendlich naiv, da man einen Beruf nicht nach einer Woche beurteilen kann“: Geschenkt! Aber darum geht es ja auch gar nicht. Jannike hat, wie sie auf ihrem Blog auch schreibt, ihr Projekt aus einem Buch von Robert Krznaric übernommen. Genauer gesagt unternimmt Jannike eine Wiederauflage einer Idee von Laura van Bouchout, einer jungen Belgierin, die ein solches „30 Jobs“-Projekt vor ein paar Jahren bereits durchgeführt hat. Krznaric führt in seinem Buch aus, was ein „radical sabbatical“ nicht soll, nämlich z.B. „ehrenwerte Berufsstände zu verhöhnen“ (ein weiterer Leser). Krznaric schreibt: „[Laura van Bouchout] gave herself the unusual birthday present of a whole year to flirt with thirty possible future selves“ – laut Krznaric ein Ansatz, der uns aus einem festgefahrenen „worldview“ befreien kann und uns auf experimentelle Art und Weise Ideen ausprobieren lässt. Krznaric dreht damit um, was klassische Job-Ratgeber empfehlen: Sich zunächst genau zu überlegen, was man beruflich machen möchte und dann diesem einen Traumjob nachzujagen. Kzrnaric setzt dem ein spielerisches „act now, reflect later“ entgegen. Und die Betonung des Spielerischen macht so ein Projekt eben so sinnvoll: Wer spielt, entzieht sich der Kontingenz und öffnet sich für mehr Unordnung, mehr Zufall, mehr Möglichkeiten. „Spielen“ als Werkzeug der Suche, als Werkzeug vielleicht der Jobfindung! Allerdings, und da muss ich den Kritikern ein Stück weit recht geben, versteht Jannike ihr Projekt vielleicht wirklich etwas naiv (oder stellt es vereinfachend dar). Sie hofft, am Ende des Jahres „meinen Traumjob gefunden zu haben“. Ich drücke ihr dafür feste die Daumen, aber ich glaube nicht, dass es den einen Traumjob gibt (genauso wenig wie Krznaric, der von „future selves“ im Plural spricht), und ich denke, dass man die „Mutter der Idee“ (Laura van Bouchout) genauer beim Wort nehmen sollte, Laura hatte explizit kein festes Ziel.
  • „Wer mit 28 noch nicht weiß, wo die Reise hingehen soll, kann einem nur leid tun“. Ach, ach. Oder „Brillenschlumpf“, der andeutet, Aussteiger wie Jannike hätten ihre „Lebensplanung nicht im Griff“. Ach, und nochmal: Ach. Ehrlich gesagt scheint mir Jannike nicht wie jemand, der bislang völlig ohne Plan gelebt hat: Ausbildung, Studium, gute Stelle. Klingt doch erstmal stringent!  Und „wohin“ die Reise gehen soll, hat sie ja auch sehr deutlich formuliert: Sie will einen Job finden, der sie erfüllt. Sie entzieht sich nicht der (Arbeits)Welt, sie begibt sich hinein. Und überhaupt, was soll das denn sein, „Lebensplanung“? Darf ich sagen, dass ich das lächerlich finde? Danke. Es gibt bestimmt irgendwelche einsamen Inseln auf denen man seine Lebensplanung im Griff hat, und wenn einem nicht zwischendurch eine Kokosnuss auf den Kopf fällt, klappt’s dann auch mit der Karriere. Toi toi toi! Ohwei, und jetzt fällt mir dieser elend-kitschige Spruch ein: „Wenn das Leben Dir Zitronen gibt, mach Limonade draus!“ So in etwa: Das ist Lebensplanung.
  • Vielen Dank für den Bericht zu Luxusproblemen dieser Dame„: Danke Dir, „torsten_“! Und „danke“ auch an „Herbert K.“ der sich über die „Dauerpraktikanten“ lustig macht! Lieber Herr K,. ich kenne niemanden, wirklich NIEMANDEN, der Praktika für eine irgendwie erstrebenswerte Form der Beschäftigung hält. Praktika können notwendig sein, können Spaß/null Spaß machen, man kann idealerweise einiges lernen, aber sie sind vor allem: Ein Mittel zum Zweck. Arbeiten oder sich langweilen für kaum/kein Geld und geringe/keine Chancen auf  Übernahme oder ungewisse Zukunftsaussichten ist leider das Gegenteil von einem „Luxusproblem“. Überhaupt: „Luxusprobleme“! Ganz grundsätzlich? Ja mei. Haben wir die nicht alle? Ist nicht Spiegel Online lesen schon ein Luxusproblem? Wer „Luxusprobleme“ verächtlich macht, legt doch im Umkehrschluss nahe, dass wir solche Probleme nicht ernst nehmen dürfen. Wir dürften keine Vegetarier sein, auf Fleisch freiwillig zu verzichten, wo so viele Menschen hungern, ist doch der Gipfel der Anmaßung! Dürfte ich mich jemals über die Verspätungen der Deutschen Bahn beschweren, wo es doch selbst in den Zügen fließend klares Wasser gibt? Usw.! Und apropos „lächerliche Selbstfindung“ (altefrau99): Man kann „Selbstfindung“ natürlich lächerlich finden, unerstrebenswert oder schlicht unmöglich. Man kann ein „Selbst“ verleugnen, man kann auch dies als „Luxusproblem“ abtun, aber dann wird zugleich der ganze Rest unserer Welt ziemlich lächerlich (und man kann auch hier emphatisch zustimmen), denn was machen „die Leut“?! Tiere schützen, teures Make-up kaufen, Yoga, sich zur Wahl stellen, Theater spielen und Blumen binden. Was ist so verkehrt daran, in unserem eigenen Leben irgendwie vorkommen zu wollen?!
  • Die Dame„: War klar. Ich hab aufgehört zu zählen, aber „die Dame“ oder die „gute Frau“, die „nette Frau“ (ironisch gemeint) ist die No.1 der Missbilligungen, wenn von Jannike die Rede ist. Was daran auffällt, sind zuallererst die negativen, ja ätzenden, Konnotationen, die mit „die Dame“ verbunden sind. Denn Jannike wird ganz und gar despektierlich als „Dame“ bezeichnet, die Kommentar-Schreiber nehmen eine distanzierte und angetäuscht anerkennende Haltung ein, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass sich Jannike a) wohl für etwas Besseres hält, b) womöglich aus vermögendem Hause kommt (siehe auch: „Luxusprobleme“) und c) das ganze Projekt wohl nur die Freizeitbeschäftigung einer „Lady of Leisure“ ist. Sexismus ist wie Salz, ohne schmeckt’s so Vielen einfach nicht und er kann so manchem faden Argument eine Idee von Würze verleihen. Sehr verehrte Damen und Herren, Jannike ist keine „Dame“. Sie ist erstmal eine junge, gut ausgebildete Frau mit einem Plan. Dieser jungen Frau (aka „Dame“) zu unterstellen, sie „habe vom Leben absolut keine Ahnung“ (lupidus) und sie solle „erst mal dankbar sein“ (al2510), setzt sie ungebührlich herab. Diese latenten Unterstellungen gipfeln dann in den Vermutungen, sie trage wohl keine „Verantwortung für ihre Familie“ (lupidus) und beleidige Menschen, „die sich abstrampeln [um] für sich und ihre Kinder eine lebenswerte Zukunft aufzubauen“ (demiurg666). Ich weiß es nicht, aber Jannike wirkt auf mich weder verantwortungslos noch faul noch leichtsinnig. Soweit wir wissen, hat Jannike keine Kinder, sie hat also die Chance, relativ ungebunden ihrem Projekt nachzugehen: Ist doch schön! Wie sie sich krankenversichert und wie groß ihre Rente ausfallen wird, darüber wird sie sich ihre Gedanken gemacht haben. Das, was sie gerade tut, beweist das nur, denn sie investiert in ihre Zukunft und sie übernimmt Verantwortung: Für sich selbst.

2 replies »

  1. Gut, dass ich die Kommentare nicht studiert habe. Dieser Ausschnitt reicht mir um wieder einmal zu sehen, wie traurig sich unsere Gesellschaft gegenüber „alternative“ Lebenswege verhält. Zu den einzelnen Kommentaren möchte ich mich nicht äußern. Sie sprechen für sich; und den Menschen dahinter.

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