über Status

Wenn man einen Job kündigt oder wenn man ungewollt „arbeitslos“ wird, verliert man neben einem regelmäßigen Einkommen und einem mehr oder weniger geregelten Tagesablauf auch: Status.

Und mit „Status“ meine ich nicht so sehr die konkrete soziale Stellung des Einzelnen (die verliert man i.d.R. nicht gar so schnell), sondern die un/sichtbaren Fäden in die man sich in der Arbeit hängt und die einen auch dann noch in der Senkrechten halten, wenn das Peter-Prinzip schon zugeschlagen hat oder man sich selber nicht mehr sicher ist, wo oben und unten ist.

vor ein paar Jahren…

An dem Morgen, nachdem ich von A bis W darauf gewartet hatte, dass die Dekanin meinen Namen verliest, am Morgen nachdem ich dann endlich mein Magisterzeugnis erhalten, am Morgen nachdem wir darauf Sekt getrunken hatten, an dem Morgen nun da hockte ich als Hospitantin mutterseelenallein auf dem Boden der großen Probebühne des Schauspiel Köln und hielt den Henkel einer kaputten Kaffeekanne in einem Winkel fest, der verhinderte, dass der sehr langsam tröpfelnde Kaffee die Öffnung der Kanne verfehlte.

Mein zuversichtliches, zart triumphierendes Gefühl des Vortags war schneller gewichen als ich „Ein Sommernachtstraum“ sagen konnte und während ich meine Hand, den Kaffee und die Probebühne betrachtete, musste ich mich selbst ein wenig auslachen: Ich war nicht nur amüsant schnell geerdet, ich war auch noch geerdet wie in einem schlechten Film.

Nun konnte ich dabei aber immerhin lernen, was mein „Wert“ ist. Da gab es zunächst einen Wert, den ich irgendwie für wertvoll gehalten hatte, z.B. ein sehr gutes Zeugnis mit meinem Namen darauf und jede Menge Erfahrungen, Ausland und Fremdsprachen, und all das was ich sonst noch für meine Werte hielt und dann gab es dann aber wohl den Rest der Welt und das da eine gewisse Diskrepanz herrschte, fiel mir auf der Probebühne dann leider nicht zum letzten Mal auf.

Das meine ich mit Status. Status entscheidet, wann ich Hände schütteln darf und wann ich Kaffee kochen muss. Status ist zunächst (manchmal immer) völlig unabhängig von Werten, aber er schafft Wert: Er kann dabei schamlos lügen und alchemistisch aus Mist Goldfasane zaubern, er kann warten, denn er hat Zeit, er macht sich eine Freude aus kleinen Geschenken, macht süchtig und den meisten schöne Augen. Status ist wie Zucker.

von der Kaffeekanne zum Kopierer (schlechter Film Teil II)

Kurze Zeit später hatte sich mein Status (und mein Wert) gehoben, ich beendete die Spielzeit als Regieassistentin und entschied in einem langen Sommer, dass ich meinen Papierstatus als Promotionsstudentin ernst nehmen wollte und beschloss, wieder an die Uni zu gehen. So schnell sich im Theater ein Status ändern kann, so langsam und berechenbar geschieht dies in der Wissenschaft. Meine neue Statusbeschreibung war zwar in vielerlei Hinsicht praktisch (keine Fragen nach der eigentlichen Tätigkeit) und schick, aber auch zäh und langlebig. Denn als Doktorandin kann man ja zugleich alles und nichts sein: Halb fertig, nie fertig, völlig fertig, Titel-los, wertlos, arbeitslos. Als ich dann kurz vor’m „Fertig sein“,  während ich mal wieder am Kopierer stand, keine Hilfskraft zur Verfügung und ein Buch kopierte („Das ganze?!“, „Ja, bitte!“) und es viel zu heiß war, von der Hitze in dem doofen Gebäude und dem blöden Kopierer, da paktierte ich gedankenspielerisch mit mir selbst und beschied: Nie mehr Kopierer! Wenn Du hier erstmal raus bist, Gunda, da wartet eine andere Arbeit und zögere nicht, sondern mach bloß Karriere! Alles wird dann besser.

Rollkoffer oder: Die schlechte Film-Trilogie, letzter Teil

Beiges Kleid, schwarzes Sakko. Durchgedrückter Rücken und Antworten auf Fragen geben. Zwei Gespräche, ein Anruf, ich habe endlich einen echten Job und „Status“ wird greifbar: Ich bekomme den Schlüssel zu einem Gebäude mit Empfangsdame, ich bekomme ein Büroschild, eine Bahncard und Visitenkarten, auf deren Vorderseite meine Name und auf deren Rückseite irgendwas mit „berät die Bundesregierung“ steht. Ich kaufe einen Rollkoffer und bewahre die Quittung für meine Steuererklärung auf. Status: Das warme Gefühl, dass der eigene Wert auf einmal eine Übersetzung im Rest der Welt findet. Das bequeme Gefühl, dass man sich in Fäden knüpft die einen ein wenig halten, auch wenn der Wellengang hoch ist und der Boden schwankt. Das sichere Gefühl, dass man bekommen kann, wenn das eigene Leben auf einmal (!) mit dem längst gefühlten Status aufgeschlossen hat.

Status ist ein Kitt, ein Kleber. Er lötet zusammen, er trennt aber auch präzise. Er ist sozialer Gatekeeper, er wertet auf (Menschen und Berufe) und so nonchalant er sich manchmal gibt, er weiß schon ganz genau, was er da tut. Status manifestiert sich über Rollkoffer, über die Dauer des Vormittags die man eine Pressemitteilung vor der Presse kennt, über das Händeschütteln mit den Großen. Über den Begriff „Statusgruppe“ und die Frage, wie viele von jeder Statusgruppe im Personalrat sind. Also im Personalrat wichtig sind. Status wabert durch Ministerien und Unternehmen und manchmal mag es einem scheinen, als sei er doch sehr viel mehr als das: Die Quintessenz des ganzen Ladens.

Und das ist noch nicht mal (nur) bös gemeint, denn Status bietet ja auch Schutz und Freiraum, und er macht so viel Welt. Er entlastet und kann Balsam spielen für die lauten und leisen Seufzer derer, die das brauchen.

Wir alle?!

Mein Status ist ja nun seit meiner Kündigung, sagen wir mal, eher sowas wie ein Ex. Das ist mir neulich auf einmal bewusst geworden, ich weiß auch gar nicht mehr warum, vielleicht hat’s geregnet, vielleicht war ich einfach nur müde. Mein Status ist irgendwie weg, ich bin zwar nicht unbedingt erleichtert, aber ich komme auch ohne ihn gut aus.

Man sollte natürlich aufpassen, dass sich hier nicht die nächste Lebenslüge nähert: Das man das alles gar nicht bräuchte und so. Tut man ja dann doch. Aber es tut gut zu merken, dass man sich frei machen kann, dass man auch ohne kann. Mal soziologisch-metaphorisch-flapsig gesprochen: Klar brauchen wir alle Spiegel und Leitern und Echos und Fäden-in-denen-wir-hängen. Aber wenn die Arbeit das nicht (mehr) hergibt oder die Arbeit sonst zu viel nimmt, dann brauchen wir vor allem Mut: Beim statusschwachen Da-sein.

Und das geht, versprochen.

jun 108

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