vom Urlaub

Ich habe ein Problem mit „Urlaub“. Urlaub! Mich regt das Wort schon auf, weil ich es eigentlich nicht wahrhaben möchte: Das Urlaub so wichtig ist für viele. So ein Fixpunkt im Kalender, ein Lichtblick im Arbeitstrübsal. Eine Zeitspanne auf die alles hinläuft, und deren Ende Sand in allen Ecken und schnell verrieselnde Erholung bereithält. Außerdem: Das Urlaub so anstrengend ist. Weiter, länger, entlegener, bekloppter. War eigentlich irgendwer noch nicht in Thailand? Ja mei, denk ich dann, fahrt’s halt hin. In Urlaub.

Zum einen ist meine Urlaubs-Aversion, glaube ich, einfach eine kleinliche Marotte. Zum anderen liegt es aber auch daran, dass „Urlaub“ wie ich ihn kennengelernt habe, schlicht vorbei ist. So vorbei wie Walkman hören bei Autofahrten.

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„Urlaub“ war bei uns zuhause erstmal nicht wirklich vorhanden, zumindest nicht als Wort, stattdessen gab es „Ferien“: In den Ferien radelte ich ins Freibad, meine Eltern arbeiteten im Garten und gemeinsam lief man auf irgendeine Burg, in eine Kirche oder ein anderes altes Gebäude. Oder man fuhr weiter weg, dann wurden woanders Kirchen, Klöster und Burgen besichtigt. Dazu gab es „Semmel“ statt „Brötchen“ und lange, kurzweilige Tage im Oberammergauer Wellenbad. Andere fuhren nach Spanien und ich hörte staunend von Campingplätzen und Wellenreiten. Wir im Opel wieder nach Bayern und ich musste tagelang vorher meine neuen Wanderschuhe einlaufen.

Das war immer schön, aber ich war mir nie sicher, ob ich auch wirklich im Urlaub gewesen war.

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Und dann fing die Ära des „Skiurlaubs“ an. Einmal im Jahr, zwei Wochen. Zehn Jahre lang, seit ich neun war. Immer an denselben Ort, ins selbe Hotel, mit den fast immer selben Gästen. Selbe Zimmernummer, selbe Gastgeber. Denselben Bergen. Derselben Routine: Frühstück (Marillensemmel!), Schischule, Mittag, Schischule, Rodelbahnbauen/Rodeln, Umziehen, Abendessen, Spezi trinken und Mäxchen spielen bis wir alle ins Bett müssen. Da habe ich angefangen, „Urlaub“ ein bisschen zu verstehen.

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Denn Urlaub war auch: Immer irgendwann Sonnenbrand (die Jahre, in denen ich EXTRA wenig SPF benutzte um noch in der Schule nach Schiurlaub auszusehen und das Jahr in dem Frau B. im Gesicht aussah wie ein Pavian hintenrum und dazu eine Kuhbluse trug!), jeden Tag heimlich nachschauen, was es als Dessert zum Menu geben würde und die Freudentänze, wenn es Kaiserschmarrn war. Kennenlernen der „neuen“ Kinder, der Tag an dem ich beim Würfeln verlor und als Mutprobe zu Antonellas Eltern gehen musste, um zu fragen, ob Antonella noch weitere Vornamen hätte („Viktoria Elisabeth“ *brüll*). Keine Vorstellung, wie diese Zeit je aufhören könnte. Aber auch noch kein Gefühl für das tickticktick. Tränen beim Abschied und Familie B. die immer am Längsten blieb und uns hinterherwinkte. Brieffreundschaften, Skikellergeruchsehnsucht.

Es war eine völlig hermetische und gut strukturierte Welt, eine Welt in der ich immer länger (und länger) sein wollte, weil sie – wie das in vielen Urlaubsorten so ist – so sehr wie die eigene Welt funktionierte und zugleich so viel Andersartiges zu bieten hatte. Die allermeisten anderen Gäste kamen sogar aus dem gleichen Bundesland. Ehepaare und ihre Kinder. Richter, Lehrer, die Apothekerfamilie. Der Speisesaal jeden Abend auf’s Neue eine Revue der deutschen Mittelschicht. Und man wusste immer, woran man war.

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Und dann war die Welt aber auch so anders. Auf 2.000 Meter Höhe. Die Kaffeesahne platzte beim Öffnen aus den Plastikdöschen; wenn es schneite, dann wollte es manchmal nie mehr aufhören und dann überall diese Berge! Die waren so unverschämt schön anzusehen, dass einem nur der Rückzug in schlechte Gedichte blieb. Aber man konnte so lange und so intensiv drauf starren wie man wollte, wenn die Aussicht anfing vertraut zu werden, war der Urlaub vorbei. Im Auto wurde dann aus weiß langsam braun, dann grün, dann grau. Im Urlaub sein hieß: wieder wegmüssen.

Dann war ich irgendwann ein letztes Mal im Urlaub. Als letztes Mal gar nicht geplant, aber es war dann das letzte Mal. Statt Mäxchen spielen, lernen für’s Abi und dann ein Todesfall zuhause. Die Sonne schien. Mit meiner Mutter durch den Schnee gelaufen, hinter die Kapelle gesetzt, auf Berge geguckt: Abschied nehmen.

Seitdem verstehe ich Urlaub nicht mehr so richtig. Und das hat natürlich ganz ganz viele Gründe. Älter werden, Studentin sein, Geld und Freunde. Aber es bedeutet auch, dass Urlaub eben Abschied ist. Und immer wieder vorbei. Wer kann das wollen.

Was bedeutet Euch Urlaub?

Kategorien:my story, was tun?

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