fragebogen III – Andrea

Genausowenig wie ich glaube, dass man durch mindmaps seinen Traumberuf findet, genausowenig glaube ich, dass in uns eine schicksalhafte berufliche Vorbestimmung schlummert. Man kann schließlich viel machen im Leben, mit Talent und ohne, und man kann mit vielem glücklich und zufrieden werden oder das genaue Gegenteil.

Aber es gibt dann doch immer wieder Menschen, bei denen einem schnell die Phantasie ausgeht, wenn man sich vorstellen soll, was sie alternativ beruflich machen sollten. Nicht weil sie nicht auch vieles andere könnten, sondern weil sie so sehr für und dann hoffentlich von einer Sache leben, dass vieles andere einfach nicht in Frage kommt. Andrea ist so ein Mensch.

 

Andrea und ich haben uns vor etwas mehr als zwei Jahren kennengelernt, wir hatten beide nach unserer Promotion zur gleichen Zeit beim Wissenschaftsrat als Referentinnen angefangen und gaben uns also irgendwo in der Geschäftsstelle zunächst einmal die Hand. Dann folgte ein erstes gemeinsames Mittagessen, ein erstes gemeinsames Feierabend-Bier (ein zweites…) und nicht ganz viel später feierten wir schon unsere gemeinsame Superhelden-Passion mit Batman-Marathons und (leider nur theoretischen) Schelmenstreichen.

 

Eine Konstante waren aber immer auch unsere Gespräche über die Arbeit. Über unsere aktuelle Arbeit beim Wissenschaftsrat, aber auch über unsere Erfahrungen an der Uni und unsere Wünsche und Sorgen: drohnenartige Vorbilder, reizvolle Themen, Unmöglichkeiten, Freude am Forschen, immer wieder auch die diversen Unwägbarkeiten und warum wir als Frauen es einfach nicht so gut schaffen uns zu behaupten. Und die Frage, wessen Problem das eigentlich genau ist.

 

Und dann, als es bei mir Richtung Kündigung ging, war mir Andrea eine der tapfersten Stützen. Mit ihrer Sorge um mein geistiges Wohl und meine finanziellen Rahmenbedingungen hat sie mich nicht nur stets aufgebaut und erheitert, sondern auch immer einfach nur verstanden – und Verständnis und Humor sind ziemlich gute Taktgeber – ganz egal wohin es geht.

Zwei Jahre nach dem ersten Handschlag also! Andrea hat mittlerweile mutig ihre Berufung am Schopfe gepackt und ist wieder „zurück“, zurück an der Uni, zurück wo sie – wenn ihr mich fragt – hingehört. Wissenschaft als Beruf! Lest selbst:

 

andi1Arbeitszimmer Uni

 

 

 

 

 

 

 

Name: Andrea

Alter: 34

Früherer Berufswunsch: Wal-Forscherin

Was machst Du beruflich?

Ich bin Historikerin, genauer gesagt: wissenschaftliche Assistentin (sog. Akademische Rätin auf Zeit) an der Universität und arbeite im Bereich der Neueren Geschichte. Konkret konzipiere ich gerade ein Forschungsprojekt, das mein zweites Buch werden wird, lehre, unterstütze die Arbeit an „meinem“ Lehrstuhl (Bibliotheksverwaltung, Tagungsorganisation, Lehrveranstaltungsplanung, wissenschaftliche Kooperationen, Doktorandenbetreuung und vieles mehr) und schreibe Aufsätze, Rezensionen usw.

Wie sah Dein Ausbildungsweg aus, wie bist Du zu Deinem Beruf gekommen?

Ich habe Geschichte (und in den Nebenfächern Politik- und Rechtswissenschaft) studiert. Nach meinem Abschluss habe ich ein internationales Forschungsprojekt koordiniert und zugleich meine Dissertation geschrieben. Frisch promoviert wollte ich erst einmal wissen, wie die Arbeitswelt außerhalb der Uni aussieht und habe beim Wissenschaftsrat angeheuert. Dort merkte ich allerdings relativ rasch, dass ich das wissenschaftliche Arbeiten (forschen, schreiben, lehren, Ideen und Projekte entwickeln und diskutieren) sehr vermisst habe. Vom Wissenschaftsrat aus habe ich mich auf meine jetzige Stelle beworben und hatte das Glück, zum Sommersemester 2014 wieder an die Uni wechseln zu dürfen.

Welche Fähigkeiten muss man für Deinen Beruf mitbringen/ausbilden?

Große Begeisterung für das Fach – am besten gepaart mit einer guten Portion Zuversicht, denn die Chancen auf eine Professur (in Deutschland nach wie vor das „natürliche“ Ziel einer Wissenschaftlerkarriere) sind nicht gerade groß. Die Bereitschaft immer weiter mehr und Neues zu lernen, ist sehr wichtig, um Teil an den Fachdebatten zu nehmen, neue Ideen zu entwickeln, interessante Projekte anzustoßen usw. Und schließlich schadet auch etwas Pragmatismus nicht, um die vielen verschiedenen Aufgaben und Projekte zu bewältigen, nicht zuletzt die bürokratischen Anforderungen des Unialltags.

Was schätzt Du an Deinem Beruf?

Die Arbeit an sich, d.h. das aus meiner Sicht große Privileg, mich intensiv wissenschaftlich mit Themen auseinandersetzen zu dürfen (sei es schreiben, lesend oder lehrend), die mich interessieren, die ich für das Verständnis unserer Gegenwart und der Vergangenheit für wichtig halte und die meine Neugier wecken. Zudem die große Freiheit, die mit meinem Beruf verbunden ist, im Sinne intellektueller Unabhängigkeit und Beweglichkeit, aber auch ganz arbeitspraktisch gedacht: Forschung passiert nicht nur zwischen 9 und 17 Uhr und nicht nur in einem Büro. Als Historikerin reise ich in Archive, nehme an Tagungen oder Workshops teil, besuche Vorträge, Kolloquien usw.

Wie sieht Dein Arbeitsalltag aus, wen es den denn gibt?

Das ist sehr unterschiedlich, weil ich mich mit ganz verschiedenen Themen/Projekten beschäftige. Ein gemeinsamer Nenner der Mehrzahl meiner Arbeitstage ist wohl, dass ich viel lese und schreibe; vielleicht arbeite ich an einem Antrag zur Einwerbung von Drittmitteln, bereite meine Lehrveranstaltungen vor, korrigiere Hausarbeiten, recherchiere Literatur zu einem Thema, rezensiere ein Buch, arbeite an einem Aufsatz… Oder aber ich tausche mich wissenschaftlich aus, sei es in Diskussionen mit Kolleginnen und Kollegen, mit meinem Chef über gemeinsame Projekte oder im Rahmen einer Lehrveranstaltung mit den Studierenden. Häufig schlage ich mich auch mit eher verwaltungsorientierten oder organisatorischen Tätigkeiten herum, die zum Unialltag dazugehören.

Gab es einen entscheidenden Moment in Deiner Karriere, der Dich dahin gebracht hat, wo Du jetzt bist?

Es gab einige, vermutlich sogar viele entscheidende Momente und glückliche Zufälle, die ich rückblickend dafür verantwortlich machen kann, wo ich heute bin. Wichtig war mit Sicherheit die Entscheidung, die Uni und die Wissenschaft zu verlassen, um festzustellen, dass ich genau dort wieder hin wollte.

Was oder wer war in Deiner bisherigen Laufbahn besonders wichtig?

Es gibt eine ganze Reihe von Menschen, die mir sehr geholfen haben. Allgemeiner gesprochen würde ich sagen, angesichts der nicht eben rosigen Karriereaussichten als Wissenschaftlerin war es für mich sehr wichtig, dass es Menschen, deren Urteil mir viel bedeutet, gab und gibt, die an mich glauben und mich ermutigt haben, den Schritt zurück an die Uni zu wagen.

Was möchtest Du noch lernen?

Meine Güte! Wo soll ich anfangen? Es gibt so viele Themen, über die ich mehr lesen und lernen möchte und darüber hinaus noch viel, viel mehr, was ich heute noch gar nicht auf dem Schirm habe, so viele sozial- und kulturwissenschaftliche Theorieangebote, in die ich mich einlesen möchte, so viel, was zu Geschichtsphilosophie geschrieben, aber noch nicht von mir gelesen wurde…Und ehrlich gesagt, einige Fremdsprachenkenntnisse würde ich gerne verbessern bzw. neu erlernen; für die Arbeit an meinem Habil.projekt wäre es bestimmt gut, sich mit einem Literaturverwaltungsprogramm auszukennen…außerdem würde ich gerne kraulen können.

Wo soll es noch hingehen?

An hoffentlich noch viele Unis, Forschungsinstitute und Archive in Europa, Amerika, Asien…und, na klar, ich möchte einmal Professorin werden, auf einen Lehrstuhl berufen werden in Deutschland oder vielleicht auch ganz woanders.

Gibt es einen Rat, den Du jemandem der in Deinem Beruf erfolgreich sein möchte, mitgeben könntest?

Finde eine gute Balance zwischen Ver- und Zutrauen in Deine eigenen Fähigkeiten sowie den Selbstzweifeln, die Bescheidenheit lehren, einen antreiben, aber dummerweise auch ängstigen können. Gib Dir einen Ruck, Dich auch mal bei einer hochkarätigen Tagung, auf eine besonders tolles Stipendium, einen begehrten Job zu bewerben, darum zu bitten, im Kolloquium eines besonders guten Wissenschaftlers/einer besonders guten Wissenschaftlerin vortragen zu dürfen usw., auch wenn dies im ersten Moment arg ambitioniert erscheint. Hab’ keine Angst vor großen Namen und Projekten!

 Deine ideale Arbeitswelt?

Eine schwierige Frage…die ideale Arbeitswelt für mich persönlich? Die habe ich vielleicht schon gefunden, mal angesehen davon, dass die Perspektive eines befristeten und wegen der gesetzlichen Rahmenbedingungen in Deutschland nicht verlängerbaren Arbeitsvertrages etwas unheimlich ist. Eine ideale Arbeitswelt für jede und jeden? Vermutlich eine Welt, die nicht allein von finanziellen Zwangslagen und Nöten bestimmt wird.

Danke, Andi!

Kategorien:Fragebogen

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