von der zeit I

Tick! In meinem letzten Job war die Zeit mein Gegner mit dem ich es jeden Tag, Montag-Freitag, aufnehmen musste. „Zeit“ waren die 40 Stunden, für die man mich bezahlte. „Zeit“ waren die 8 Stunden täglich, plus 30 Minuten in denen ich Pause machen musste, waren also 8,5 Stunden täglich in denen ich meinen Geist unsichtbar gegen die Uhr anwarf. Ticktick….t….Ich ging daher möglichst früh zur Arbeit, die Idee dahinter war, dass die Zeit, die meine „Freizeit“ war so länger erscheinen würde. Wenn ich schon um 16 Uhr gehen durfte, stand mehr wache Zeit am Tag, mehr helle Zeit außerhalb der Arbeit zur Verfügung. Die Zeit hingegen, die ich „bei der Arbeit“ war, war Zeit für die man mich bezahlte, war so in mancher Hinsicht wertvolle Zeit, aber zugleich Zeit, die ich als wertlos empfand, da ich nur alle Stunden „außerhalb“ dieser Zeit als „verwertbar“ ansah. Es war ein täglicher Kampf, ein täglicher Krampf. Die Zeit, die mir so genommen wurde, blähte sich in meinen Gedanken auf zu einer Zeit voller Selbstverwirklichung, voller eigentlicher Tätigkeiten, voller Sinn und voller Träume. TICK! Abends, wenn ich im Bett lag, konnte ich nicht einschlafen, die Zeit nicht zum Stillstand bringen, vor lauter Angst, die Kostbarkeit meines einen Lebens aufs Spiel zu setzen. Das Gefühl, das Kehle-zuschnürende Gefühl, meine Zeit, mein Leben zu verschwenden in den 40 Stunden, für die man meine Bereitschaft bezahlte, wurde so groß, dass es schließlich mit dazu beitrug, dass ich kündigte.

Letztendlich war meine Kündigung also auch ein Befreiungsschlag aus einer absurden Klemme: Die Zeit, die meinem Arbeitgeber wertvoll erschien, erschien mir als vergeudet. Ich musste da raus, aus lauter Panik vor der nutzlosen Zeit.

Doch genau dieser Impetus zeigt mir jetzt leider den Vogel, denn mit dem Imperativ des „Nutze die Zeit“ habe ich mir ganz neue Bewertungskriterien an den Hals gehängt. Nicht nur will mein Umfeld auf einmal viel genauer wissen, womit ich meine Zeit verbringe, warum ich z.B. nicht in Urlaub fahre, wo ich mich bewerbe und was ich auf der Arbeit so genau mache (was vorher nicht so interessiert hat: Hallo, Mama!), auch ich selbst sitze in der Falle, da ich mich jeden Tag, Montag-Sonntag, fragen muss, wie ich denn in der ganzen schönen, kostbaren Zeit so vorangekommen bin, mit der Selbstwerdung. Es wird erwartet, dass ich etwas tue. Etwas tue, was sich gut erzählen lässt. Etwas, das „Sinn macht“, dass ein Streben offenbart. Es wird erwartet, dass ich nach etwas strebe, dass ich Ideen entwickle (nicht zu viele) und diese dann zu Erfolgen weiterverarbeite. Denn Zukunft ist Zeit in die es zu investieren gilt, damit sie überhaupt passiert.

Problem: Ich erwarte das auch von mir selbst. Zeit = Ich. TICKTICK! Mein ganzer Kündigungs-Begründungs-Komplex beruhte auf der Exklamation, dass ich gewonnene Zeit in mehr „Ich“, mehr „selbst“ umwandeln könne. Diese gewonnene Zeit also nicht zu nutzen wird, nach nun mehr als zwei Monaten, zum unziemlichen Luxus, zur vertanen Chance. Und dann fahre ich noch nicht mal in Urlaub!

Die verbrachte Zeit aber, die lässt sich nicht leicht wiegen. Sie wiegt schwer. Ich traue mich kaum zu sagen, was es ist, mit dem ich die Tage verbringe. Nicht, weil ich nichts tue. Sondern weil die Dinge, die ich tue bislang so wenig messbare Selbst-werdungs-Punkte eingeheimst haben. Und ich erlebe folgerichtig eine neue Form des Kehle-Zuschnürens. Abends, wenn ich mit der Unsicherheit zusammen Wein trinke und Jazz höre und mir flüchtig die Hand auf den Hals lege, kommt mir plötzlich das Gespür, wie mein Körper altert, wie ich unter meinen eigenen nichtsnutzigen Händen bei lebendigem Leib vergammle. Wie ich dieses Ichlein hergebe für…was?! Das ist nicht schön, das ist sehr anstrengend. Vor allem, wenn man dann am nächsten Morgen aufsteht und die nächsten 24 Stunden zu „verwerten“ hat.

Aber ich, und das war ja zumindest mal Teil des Impetus, muss jetzt einfach versuchen, meine eigenen Ideale zu vernachlässigen. Ich glaube nämlich wirklich, dass es schon wird. Außerdem ist die Zeit kein guter Gegner, man ist besser freundlich zu ihr. Und lässt sich nicht unterkriegen. Und dann musste ich heut morgen an das Buch denken, das ich gelesen hab, als ich kündigte und was da stand: „Ich will mich nicht behaupten. Ich will eine Nudel sein. Ein suppengeschwemmtes Nüdelchen.“ (Rainald Goetz, Irre)

P.S. t

time

t…

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