von der Unsicherheit, und warum “Ziele setzen” auch nicht hilft

Ich bin mittlerweile im Stadium des Reflektierens angekommen, hallo! Als ich meinen Job kündigte, habe ich mich unweigerlich fragen müssen, warum ich ihn überhaupt angenommen hatte. Nicht nur, weil ich das “not quite right”-Gefühl von Anfang an gespürt hatte, sondern auch weil ich nun so gar nicht weiter war als vorher: Ich wusste sogar noch viel weniger, was ich beruflich machen wollte.

Zunächst: “Et es wie et es” und wer weiß, wer weiß, wozu es alles gut war. Ich hätte den letzten Oktober nicht in London verbracht, ich hätte dort kein Praktikum im Ham House gemacht und ich hätte den Oktober eben nicht in London verbracht. Aber WARUM ich mich für meinen letzten Job beworben hatte, ist mir natürlich schon klar: Keine Unsicherheit, bitte.

Derzeit lese ich ein sehr empfehlenswertes Buch von Oliver Burkeman, „The Antidote – Happiness for People who can’t stand positive thinking“. Burkeman beschreibt darin “positive thinking” als müden Ersatz für “actual thinking” und erläutert auf kluge, britisch-skeptische Weise, wie uns (u.a.) alte philosophische Traditionen mit Hilfe von Unsicherheit und bewusstem Scheitern auf einen Pfad gen “happiness” führen können. Auf Seite 86f schreibt er beispielsweise folgendes:

“Try the following potentially mortifying exercise in self-examination. Consider any significant decision you’ve ever taken that you subsequently came to regret: a relationship you entered despite being dimly aware that it wasn’t for you, or a job you accepted even though, looking back, it’s clear that it was mismatched to your interests or abilities. If it felt like a difficult decision at the time, then it’s likely that, prior to taking it, you felt the gut-knotting ache of uncertainty; afterwards, having made a decision, did those feelings subside? If so, this points to the troubling possibility that your primary motivation in taking the decision wasn’t any rational consideration of it’s rightness for you, but simply the urgent need to get rid of your feelings of uncertainty.”

Soweit, so einleuchtend. Interessant wird der Hinweis, wenn man den Kontext von Burkeman’s Gedankenspiel betrachtet – eine der Hauptthesen seines Buches – etwas vereinfacht – ist, dass uns “positive Gedanken” schlicht nicht weiterbringen, oder anders gesagt: was Selbsthilfe-Ratgeber gemeinhin eint, ist ein unerschütterlicher Glaube (bzw. das Verkaufsargument) an den Optimismus in den verschiedensten Ausformungen. “Ziele setzen”, “Antworten finden”, “ich kann alles, wenn”, “so gelingt…endlich” etc.pp. Burkeman greift diese Prämissen gleich von mehreren Seiten an. Er bezieht sich auf die Stoa, Buddhismus (und verknüpft dabei bestimmte Gedankentraditionen) sowie Verhaltenspsychologie, deren Forschung uns gute Gründe gibt, viele der vermeintlich “rationalen” Erfolgskodizes der Managementkultur in Frage zu stellen (bzw. auf den Kopf!).

Eine der eingängigsten Mantras dieser Kultur ist “Ziele setzen”. Jede der Millionen in dieser Sekunde geschriebenen to do-Listen ist auch Ausdruck dieses Leitbildes. Fast kein Managementseminar kommt ohne aus – ich erinnere mich da nur an einen Job-Ratgeber den ich in meiner Verzweiflungsphase Ende letzten Jahres gelesen habe. Die Autorin schreibt: “Fangen Sie […] keinesfalls mit der Suche nach einem Job an, bevor Sie nicht eindeutig geklärt haben, was genau Sie machen wollen und welche Ihrer persönlichen Qualifikationen Sie in diesem Job einsetzen können.” Weiter wird man aufgefordert, sein (Berufs-)Ziel (inkl. Spezialisierung!) ganz präzise zu formulieren und es sich möglichst oft, klar und deutlich, zu vergegenwärtigen. Das erste Problem mit diesem Ansatz war, dass es mir trotz großer Mühen und Mind-Maps einfach nicht gelingen wollte, EIN Berufsziel zu formulieren, von der Spezialisierung ganz zu schweigen. Niemand ist so einseitig veranlagt, dass er nur als “Reiseanbieter für Elefantensafaris” oder “Referentin für Qualität in der Lehre” eine Art von Erfüllung finden könnte. Wir sind mehrere – eine “Ein-Ziel-Strategie” ist vielleicht nützlich, wenn man sich einen neuen Staubsauger kaufen möchte, aber einen neuen Job?! Bitte! Das zweite Problem mit dieser Strategie ist, dass sie genau das untergräbt, was sie eigentlich versprochen hat: Eine Systematik, die das Scheitern nur an ihrem Ziel ermisst, ist psychologisch kontraproduktiv und kreativ beschränkt.

Diese “Zielfixierung” wurde vor ein paar Jahren von Lisa D. Ordóñez et al. in einem Artikel (“Goals Gone Wild: The Systematic Side Effects of Over-Prescribing Goal Setting”, Academy of Management Perspectives 23, 2009: 6-16) kritisch geprüft. Ordóñez und ihre Kollegen untersuchen darin die verschiedenen Folgen von “goal setting” im unternehmerischen Kontext und verbinden dies mit dem Hinweis, dass die Management-Forschung hierzu bedauerlicherweise zu wenig hergebe, denn “goal setting” könne Unternehmen massiv schaden. Eines der Beispiele, auf das sie sich beziehen ist die Enron-Pleite. Als es dem Unternehmen bereits richtig schlecht ging, hätten Enron Manager noch immer hohe Boni auf Grundlage des Belohnungssystems der Firma eingestrichen, diese Boni bezogen sich allerdings auf die Einkünfte (“revenue”) und nicht den Gewinn (“profit”): Die Manager erreichten zwar ihre Ziele, aber es waren die Falschen. Enron ist Geschichte. Obgleich Ordóñez den Fokus auf Unternehmen legt, sind ihre Beobachtungen auch auf persönlicher Ebene nachzuvollziehen: Ziele sind oft zu eng, sie verhindern Lernen und Kooperation, sie können der intrinsischen Motivation schaden.

Ein weiteres Beispiel, für die verheerenden Folgen der Zielsetzung “gone wild”, würde ich gerne nachtragen:

ziele setzen

ziele setzen und scheitern

Ganz gut, oder? Doch ich sehe schon, wie sich dennoch die Einwände formieren: Ist es nicht unabdingbar sich Ziele zu setzen, um überhaupt etwas zu erreichen? Wie wäre Bayern München denn jemals Meister geworden, hätten Sie dieses Ziel nicht formuliert? (An dieser Stelle kleiner Verweis auf das “Ziele-Archiv” des 1. FC Köln.) Muss man nicht eine Art Ziel haben, um sich mit Vorsatz an die Arbeit zu setzen?

Eben nicht! Burkeman schlägt beispielsweise vor, sich von der Zielsetzung per se zu verabschieden und stattdessen folgende Prinzipien zu beherzigen: “the bird in hand-principle” und “the principle of affordable loss”. “Start with your means. Don’t wait for the perfect opportunity. Start taking action, based on what you already have available: what you are, what you know and who you know.” Und nicht zuviel dran denken, wie wunderbar der Preis im Fall des Erfolgs sein würde, sondern sich fragen wie schlimm das Scheitern wäre: “So long as it would be tolerable, that’s all you need to know. Take that next step, and see what happens.”

Paul sagt, das das Erreichen von Zielen nicht so wichtig ist, solange man sich nicht unglücklich macht. Erich Fromm sagt, “The quest for certainty blocks the search for meaning. Uncertainty is the very condition to impel man to unfold his powers.”

Und ich finde auch, “Unsicherheit” ist der Weg wo was los ist. Unsicherheit bedeutet, potentielles Glück nicht ausschließlich in einer herbeigesehnten Zukunft zu verorten. Unsicherheit macht uns menschlich, gibt uns auch Vertrauen, denn das Schlimmste, es tritt selten ein. Was hingegen oft eintritt, sind neue Erlebnisse, ein spannenderes Leben, ein kreativer Weg. Lasst uns also mit Vorsatz treiben, mehr Jazz!
https://www.youtube.com/watch?v=LCV-D6e-4Os&index=4&list=RD2YWlvCBq-J4

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